09.11.2015

Kirchliche Heirat ohne standesamtliche Trauung?

In welchen Fällen darf man in Deutschland kirchlich heiraten, ohne standesamtlich verheiratet zu sein? R. O., 49509 Recke

 

Blicken wir zunächst kurz auf die Geschichte: Während es in vielen Ländern selbstverständlich ist, dass Paare wählen können, wo und vom wem sie getraut werden möchten, gab es in Deutschland lange die sogenannte „Zwangszivilehe“. Sie geht zurück auf Reichskanzler Otto von Bismarck, der während des „Kulturkampfes“ gegen die katholische Kirche diese Regelung erzwang. Seit 1875 war es zunächst eine Straftat, dann eine Ordnungswidrigkeit, ein Paar ohne vorherige Zivilheirat kirchlich zu trauen. War die katholische Kirche zunächst gegen die Regelung, wurde sie 1933 im „Reichskonkordat“ zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland anerkannt. 

Die Diskussionen um die „Zwangszivilehe“ endeten nie. Vor allem ältere Leute, die nach dem Tod eines Partners eine kirchlich anerkannte Ehe eingehen wollten, ohne Rentenansprüche aus der ersten Ehe zu verlieren, drangen auf Neuregelungen. Am 1. Januar 2009 trat ein neues Personenstandsgesetz in Kraft. Danach gibt es kein staatliches Verbot der „religiösen Voraustrauung“ mehr. Allerdings betrachtet die Deutsche Bischofskonferenz die Regelungen des Konkordats als fortbestehend an, womit es grundsätzlich bei der bisherigen Praxis bleibt.

Es gibt aber Ausnahmen – und dafür eine „Ordnung für kirchliche Trauungen ohne vorhergehende Zivileheschließung“. Besondere „Fälle“ sind dort nicht ausdrücklich genannt. Allerdings müssen die Brautleute Gründe einsichtig machen, die gegen eine standesamtliche Trauung sprechen. Sie verpflichten sich, auch materiell füreinander zu sorgen und unterschreiben, dass sie um die zivilrechtliche Wirkungslosigkeit ihrer kirchlichen Trauung wissen. All das muss geprüft und eine bischöfliche Erlaubnis erteilt werden.

In der katholischen Kirche kommt dies extrem selten vor – und wenn, dann bei „Rentnerehen“. Kritik an der neuen Regelung gibt es eher in Bezug auf andere Religionsgemeinschaften. So warnen gerade Frauenrechtsorganisationen vor der Gefahr, dass religiös motivierte „Vielehen“ sich in unserer Gesellschaft verbreiten könnten.

Von Susanne Haverkamp