18.01.2013

Familie Lange baut in Förderstedt das katholische Gotteshaus um / Die Pfarrei Staßfurt-Egeln musste schon sechs Kirchen verkaufen

Wohnhaus mit Kirchturm

Was soll aus Kirchen und Kapellen werden, die nicht mehr benötigt werden? In der Pfarrei Egeln-Staßfurt gibt es damit Erfahrungen. Sechs der zwölf Kirchen wurden profaniert und verkauft. Familie Lange baut sich die Kirche in Förderstedt zum Haus um.

 

Guten Mutes haben Andrea und Frank Lange mit den umfangreichen Arbeiten begonnen, die zu leisten sind, bevor aus der katholischen Kirche in Förderstedt eine große Wohnung wird. Fotos: Eckhard Pohl

 

Staßfurt /Förderstedt. „Meine Mutter und meine Großeltern sind hier zur Kirche gegangen. Mein Mann und ich wurden hier getraut. Und unser ältester Sohn Chris (21) wurde hier getauft“, sagt Andrea Lange. Mit ihrem Mann Frank hat sie die 2011 profanierte, also in ein weltliches Gebäude überführte kleine Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu in Förderstedt von der Pfarrei Staßfurt gekauft. Es gab drei Bewerber für das 1938/39 gebaute Gotteshaus und das dazugehörige 1800 Quadratmeter große Gelände. Familie Lange bekam den Zuschlag.

„Einerlei ist mir das nicht, dass das eine Kirche war“, sagt Frau Lange. „Und unter den Mitgliedern der inzwischen sehr kleinen Gemeinde hier in Förderstedt gibt es dazu sehr unterschiedliche Meinungen. Da hier so gut wie kein Gottesdienst mehr stattfand – die Pfarrkirche in Staßfurt liegt sieben Kilometer entfernt – musste gehandelt werden“, sagt Frau Lange. „Dennoch ist es für mich schon komisch: Ich bin hier zur ersten heiligen Kommunion gegangen, hatte hier Religionsunterricht. Hier wurden Beerdigungsgottesdienste gehalten ... Und nun werde ich hier künftig wohnen.“

Ihr Mann Frank ist begeistert von dem soliden Kirchenbau. „Hier zu wohnen, wird etwas Besonderes sein. Das Gebäude hat für mich von außen ein tolles Flair. Dazu das viele Grün drumherum. Auf der Höhe der Empore werden wir im Inneren eine Zwischendecke einziehen. Dann entstehen insgesamt an die 350 Quadratmeter Wohnfläche“, sagt der Uhrmachermeister und Kaufmann, der mit seiner Frau in Staßfurt ein eigenes Geschäft für Schmuck, Uhren, Geschenkartikel und einer Postagentur betreibt.

Für Pfarrer Diethard Schaffenberg aus Staßfurt war die kleine Kirche in Förderstedt eine der ersten von inzwischen sechs Kirchen oder Kapellen, die er mit der Gemeinde im Bereich der Pfarrei St. Marien Staßfurt-Egeln geschlossen und verkauft hat. „Auf dem Gebiet unserer 2010 neu errichteten Pfarrei gab es zwölf Gotteshäuser. Sie wurden vor rund 75, andere vor 100 Jahren gebaut, als hier der Salzbergbau expandierte und katholische Arbeitskräfte aus dem Rheinland und Schlesien hier in die Region um Staßfurt kamen“, erzählt Pfarrer Schaffenberg. „Doch heute gibt es in den kleineren Orten fast keine Katholiken mehr und es ist die Frage, wie die Kirchen genutzt und erhalten werden können“, so der langjährige Seelsorger. „So mussten wir uns dieser Situation stellen und entsprechende Maßnahmen in der Pastoralvereinbarung der Pfarrei festlegen.“ Inzwischen gehören neben der Pfarrkirche St. Marien in Staßfurt und der ehemaligen Klosterkirche Marienstuhl in Egeln nur noch Christ König in Cochstedt, Herz Jesu in Hecklingen, St. Mechthild Westeregeln und Johannes Baptist in Wolmirsleben zur Pfarrei. Die Kirchen oder Kapellen in Hakeborn, Förderstedt und Tarthun wurden 2011 und die in Atzendorf, Löderburg und Unseburg 2012 verkauft.

„Natürlich ist es für diejenigen, die in der jeweiligen Kirche immer zum Gottesdienst zusammengekommen sind, sehr schmerzlich“, so der Pfarrer weiter. „Dennoch gibt es trotz Tränen und Trauer die Einsicht, dass es oft keine andere Lösung gibt. Vielerorts werden auch evangelische Kirchen nicht mehr als solche gebraucht, doch nicht selten engagieren sich sogar fernstehende Mitbürger vor Ort für deren Erhalt. Als Katholiken haben wir da im Land Luthers zuwenig Hinterland“, sagt Schaffenberg.

Für die Kirche in Förderstedt jedenfalls konnte eine akzeptable Lösung gefunden werden. Familie Lange ist inzwischen dabei, einen neuen Fussboden in ihrem Haus einzubringen. Neue elektrische Kabel sind teilweise bereits verlegt. Nach und nach und mit viel Eigenleistung wollen sie sich in der ehemaligen katholischen Förderstedter Kirche ihr neues Zuhause einrichten.

Hintergrund

Um eine Kapelle oder Kirche profanieren (entwidmen, entweihen, den heiligen Raum weltlich machen) und verkaufen zu können, sind ein Kirchenvorstandsbeschluss und ein Beschluss des Pfarrgemeinderates nötig. Danach müssen der Priesterrat des Bistums und der Bischof zustimmen. Nun wird ein Termin für eine letzte, festliche Messe angesetzt, bei der dann eine Urkunde über die Schließung der Kirche verlesen wird. Der Bischof oder Priester nimmt am Ende des Gottesdienstes das Allerheiligste und vorhandene Reliquien mit aus der Kirche. Sakrale Gegenstände und Geräte sind anderswo weiterzunutzen. Damit ist das Gotteshaus profaniert.

Kirchen, die verkauft werden sollen, werden amtlich geschätzt und dann in entsprechenden Publikationen zum Verkauf angeboten.

Im Grundbuch muss beim Verkauf festgehalten werden, dass die Kirche von keiner nichtchristlichen Glaubensgemeinschaft kultisch genutzt werden darf. Zudem darf die neue Nutzung nicht dem bisherigen Charakter des Gebäudes zuwiderlaufen.

Ende 2009 gab es im Bistum Magdeburg 222 Kirchen und Kapellen, davon wurden in den letzten Jahren 20 entwidmet und verkauft. Bei zwei verkauften Kirchen ist noch eine befristete Nutzung durch die Pfarrei möglich.

Die Immobilienkonzepte der Pfarreien sehen in den nächsten Jahren weitere Verkäufe vor.

Eckhard Pohl

 

Mehr dazu auch unter: http://www.dbk-shop.de/de/Deutsche-Bischofskonferenz/Arbeitshilfen/Umnutzung-von-Kirchen-