20.08.2015

Gottesbegegnung in der U-Bahn

Kampf gegen moderne Sklaverei in Berlin

Berlin. Haben Orden eine Zukunft? Die Berlinerin Schwester Margit Forster (60) braucht nicht lange für entschiedenes Ja, obwohl sie die einzige Deutsche im international tätigen Orden der Comboni-Schwestern ist.

Schwester Margit
Eine geöffnete Tür zur Solwodi-Beratungsstelle: typisch für Schwester Margit.
Foto: Walter Plümpe

„Orden haben eine Zukunft, wenn sie beweglich bleiben und sich vom Leben führen lassen“, mein Schwester Margit Forster. Sich vom Leben führen lassen? Die Ordensfrau, die zu den Comboni-Schwestern gehört, denkt dabei an die vielen „Tabernakel, die durch die Gegend rennen“. Für sie kann jedes U-Bahn-Abteil ein pastoraler Raum werden, wenn sie dort mit Menschen in Berührung kommt, ob sie nun glauben oder nicht. Der Weg und der Prozess sind für sie wichtiger als das Ziel. Ihr ist es wichtig, dass sie Brücken baut zu Menschen. Und wenn ein Ordensgewand dabei hinderlich sein könnte, bleibt es eben im Schrank. Die Entscheidung für oder gegen das Gewand ist in ihrer Gemeinschaft jeder Schwester freigestellt.

Menschenhandel, Ausbeutung, Zwangsheirat
Schwester Margit engagiert sich für Solwodi. Dieses Kürzel steht für „Solidarity with women in distress“ (zu Deutsch: Solidarität mit Frauen in Not). Rund 300 Frauen – meist Afrikanerinnen – betreuen sie und ihr Team im Laufe eines Jahres in der Berliner Beratungsstelle. Frauen, die von Menschenhandel und Ausbeutung betroffen sind, die wegen Genitalverstümmelung und Zwangsheirat aus ihrer Heimat geflohen sind, die zur Prostitution gezwungen wurden, die Hilfe bei der Rückkehr in ihre Heimat benötigen.
Solche Frauen will sie von den „Fesseln der modernen Sklaverei“ befreien. Ihr Ordensgründer, der italienische Missionsbischof Da­niele Comboni (1831–1881), hatte noch richtige „Fesseln“ vor Augen. Heute sind die Methoden des Frauenhandels und der Ausbeutung, der psychischen Versklavung und entwürdigenden Behandlung raffinierter. Statt von Flüchtlingen spricht Schwester Margit lieber von „Hoffnungsträgern“. Und Armutskontinent Afrika? Eine „schwarze Perle“ zitiert sie Comboni. „Sie evangelisieren uns.“ Weil Gott trotz Menschenhandel und Prostitution zu ihrem Leben dazu gehört. Daher ist die Befreiung aus den Zwängen von Voodoo-Ritualen, das Schöpfen neuer Hoffnung für ihre Frauen das oberste Ziel.
Seit neun Jahren lebt Schwester Margit nun in Berlin. 1979 trat sie in Rom ins Postulat ein und studierte Theologie. Dann lebte sie zwölf Jahre in Afrika. Während dieser Zeit war sie unter anderem Lehrerin in einem Mädchengymnasium in Kenia, „Jugendkaplan“ in Uganda, sechs Jahre in der Ordensleitung und in der ordensinternen Ausbildung: ein eher unspektakulärer Lebenslauf in einem Frauenorden. Zu einem „Erwachen“ führten Straßenexerzitien mit Jesuitenpater Christian Herwartz in Berlin. Seine Gemeinschaft auf der Naunynstraße hat sie fasziniert. Acht Monate Auszeit ließen in Schwester Margit die Entscheidung reifen, an einer missionarischen Präsenz in Berlin mitzuwirken. Konkret: das Solwodi-Beratungsangebot zuerst bei den Marienschwestern in Lankwitz und nun seit bald zwei Jahren neben der Kirche St. Eduard, 1985 von Schwester Dr. Lea Ackermann in Kenia gegründet.
Ordensleben bedeutet für Schwester Margit ein täglich neues Hinhören auf Gottes Weisung, dem Leben in Fülle Raum zu geben, einfach zu leben, die Möglichkeit, an der Welt etwas zu ändern. „Leben ist für mich ein Synonym für Gott“. Darum bedauert sie auch die Absage eines bundesweiten Treffens von Ordensleuten in Berlin. Ordenserfahrungen auszutauschen, das hätte ihr gefallen.

„Wir dürfen Gott nicht mit Strukturen verwechseln“
„Wir dürfen Gott nicht mit Strukturen und Orden verwechseln“, sagt sie. Darum ist sie auch bei der Frauen-Kommission im Erzbischöflichen Ordinariat und in der Ordens-Arbeitsgemeinschaft dabei. Gute Kontakte zum Beispiel zum Jesuiten Flüchtlingsdienst, zum Afrika-Center, zur Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), zum Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) und besonders zur Katholischen Kirche Nord Neukölln sind ihr selbstverständlich.
Nach einem Wahlspruch für ihr Leben gefragt, antwortet Schwester Margit: „Vor jedem steht ein Bild des‘, was er werden soll; solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.“ Dieses Wort von Angelus Silesius, einem deutschen Mystiker des 17. Jahrhunderts, begleitet sie seit fast 40 Jahren und beflügelt sie noch immer. Dieser Gedanke ist für sie grundlegend, wenn es um Berufung geht. Daher stellt sich für Schwester Margit nie die Frage, wie man junge Menschen heute ermutigen kann, in einem Orden einzutreten. Vielmehr gelte es, ihnen zu helfen, ihre ihnen ins Herz gelegte Berufung zu finden und zu leben. „Dass dabei auch das Ordensleben – vielleicht sogar in ganz neuen Formen – sein kann, das dürfen wir ruhig und gespannt Gott überlassen.“
Ihr persönliches Vorbild? Da kommen ihr gleich mehrere Gesichter vor Augen: das ihrer Oma, das von Pater Anton Maier, dem ersten Comboni-Missionar, den sie kennenlernte, Pater Christian Herwartz, Dietrich Bonhoeffer. „Eine eigenartige Mischung vielleicht, aber was wohl allen gemeinsam ist, ist die Leidenschaft des radikalen Sich-auf-Gott-Einlassens, die mich fasziniert.“
Wegen ihres Kampfes gegen den Menschenhandel und die moderne Sklaverei wird sie manchmal als sehr unbequeme Gesprächspartnerin empfunden. „Wir müssen oft gegen den Strom schwimmen. Aber wir haben auch viele Menschen auf unserer Seite; und wir werden immer wieder ermutigt, weiter auf der Seite der Ausgegrenzten zu kämpfen und zusammen mit ihnen Hoffnungsträgerinnen zu sein.“ Darin bestärkt sie die Überzeugung von Daniel Comboni, dass die Werke Gottes am Fuß des Kreuzes wachsen und entstehen. Schwierigkeiten und Hindernisse sieht sie daher oft „nur“ als eine Bestätigung dieser Tatsache, als Wegweiser, die sie ermutigen, nicht aufzugeben.

Wer mit Schwester Margit Kontakt aufnehmen möchte: Tel.: 0 30 / 81 00 11 70 oder E-Mail: berlin@solwodi.de. Auch als pensionierte Lehrerin, Ärztin, Sozialarbeiterin oder einfach als Mensch guten Willens kann man sich ehrenamtlich bei Solwodi einbringen.

Von Walter Plümpe