19.10.2012

Fundamentalisten – wenn aus Eifer Gewalt wird

Kämpfer für eine Gottesherrschaft

Warum werden erwachsene Männer so wütend, dass sie auf ein Mädchen schießen? So geschehen in Pakistan, weil die 14 Jahre alte Malala Yousufzai die Taliban kritisierte. Doch warum haben sie solche Angst? Was macht Menschen so fanatisch?

Wie mutig Malala sein muss, zeigt sich an dem brutalen Überfall, mit dem die Taliban sie zum Schweigen bringen wollten. Auf dem Heimweg von der Schule schießen vergangene Woche zwei Männer auf das Mädchen, treffen sie an Kopf und Hals. Danach schwebt Malala in Lebensgefahr. In Pakistan ist sie eine Berühmtheit: Schon als Elfjährige setzte sie sich in einem Internetblog für die Rechte von Mädchen ein. Eine ständige Provokation für die Taliban. Fundamentalistische Gotteskrieger. Das ist die eine Seite. Die andere: Am vergangenen Freitag beteten zahllose Gläubige in den Moscheen Pakistans für Malala.

Wer Muslime mit Fundamentalisten gleichsetzt, ist diesen schon auf den Leim gegangen, sagen Experten. Die Behauptung, der Islam passe nicht zu einer freiheitlichen, westlichen Gesellschaft, entspricht genau dem Denken der Fundamentalisten, warnt Clemens Six, Historiker an der Universität Groningen. Fundamentalismus gibt es in allen Religionen: Ob evangelikale Bewegungen, traditionalistische Piusbrüder, gewalttätige Hindus oder Taliban. Selbst im vom Westen als so friedlich angesehenen Buddhismus gibt es militante fundamentalistische Strömungen.

Flucht in ein einfaches Weltbild

Bei der Reaktion der Taliban auf die Worte einer 14-Jährigen zeigt sich, warum Menschen in den Fundamentalismus abgleiten: Es ist die Freiheit, mit der sie nicht zurechtkommen. Malala hat mehr Freiheit gefordert. Doch Freiheit macht manchen Menschen Angst, weil sie nicht ihre positive Seite sehen, sondern nur Unsicherheit, Offenheit und Beliebigkeit. Fundamentalisten reagieren auf die schwierigen Bedingungen einer modernen Welt: Sie wollen die Gesellschaft in ein scheinbar goldenes Zeitalter zurückführen. Christliche Fundamentalisten sehnen sich nach der Zeit der Urgemeinde, muslimische Fanatiker sehen die Zeit des Ursprungs des Islam als erstrebenswert an.

„Fundamentalismus ist eine sehr eingeschränkte und sehr konsequente Handhabung religiöser Inhalte“, sagt Six. Aus dem Lehrgebäude der eigenen Religion werden einige Lehren entnommen und zum Kern der fundamentalistischen Gruppe. Sie dürfen nicht hinterfragt werden, sind wie in Stein gemeißelt. Ein solches Fundament macht das Leben in einer komplexen Welt einfacher.

Doch nicht jeder Fundamentalist ist gewalttätig. Die Amischen in den USA etwa haben ihr goldenes Zeitalter in die Gegenwart gerettet und beschränken sich auf ihre eigene Gemeinschaft. „Die Eskalation von Gewalt hängt vom sozialen Umfeld ab“, sagt der Soziologe Martin Riesebrodt. Je mehr sich die fundamentalistische Gruppe bedroht fühlt, je mehr Menschen sich ungerecht behandelt fühlen, desto höher die Bereitschaft zur Gewalt.

Ein Kampf um die irdische Herrschaft

Doch es ist eben nicht nur die soziale Lage, die zum Sprengstoff wird. „Verkürzt und wenig hilfreich“ sei es, Religion für „so etwas wie ein Vehikel eigentlich säkularer, sozialer Konfliktlinien“ zu halten, warnt Clemens Six. Religiöse Fundamentalisten kämpfen für die Herrschaft ihres Gottes. Sie wollen die Welt aus den Klauen des Bösen reißen. Die Kombination politischer, sozialer und wirtschaftlicher Motive mit „der Ideologie des religiös-kosmischen Endzeitkampfes“ bringt Menschen dazu, bis zum Äußersten zu gehen.

Ob der religiöse Fundamentalismus zugenommen hat, wollen die Forscher nicht mutmaßen. Sicher gibt es eine größere Aufmerksamkeit der Medien. Gewalt erzeugt Aufmerksamkeit. Die ist nötig, wenn sich Dinge verändern sollen. Gleichzeitig ist Aufmerksamkeit genau das, was religiöse Fanatiker anstreben.

Ulrich Waschki