14.09.2017

Beratung bei häuslicher Gewalt mit neuem Ansatz

Jetzt mal anders!

Was, wenn in einer Partnerschaft beide Partner Gewalt ausüben? Die Caritas bietet Beratung bei häuslicher Gewalt mit neuem Ansatz.


Mann als Täter, Frau als Opfer? Nein, häusliche Gewalt wird meist von beiden Seiten ausgeübt, wie die von Modellen für die Fotos dargestellten Situationen zeigen. | Fotos: Angela Kröll


Bei häuslicher Gewalt denken viele an das klassische Bild, wie es in Krimi- oder Polizeiserien gemalt wird: Der Mann ist Täter, die Frau Opfer. Allerdings legen Forschungen aus den USA und Kanada nahe, dass ein Großteil häuslicher Gewalt von beiden Seiten ausgeübt wird. Was also machen Paare, bei denen beide – Mann wie Frau – zugleich Opfer und Täter sind? Sozialpädagogin Sabine Schäfer und Diplom-Psychologe Marcel Kruse von der Caritas im Erzbistum Berlin beraten Paare, die sich gegenseitig Gewalt antun, aber auch gemeinsam herausfinden wollen aus dieser Gewaltspirale. Das Motto des bundesweit einzigartigen Beratungskonzepts: „Jetzt Mal Anders.“
Und was ist anders? Marcel Kruse lacht, er hat die Frage erwartet. „Anders ist, dass wir beide Partner zum Gespräch einladen. Zu uns kommen Paare, bei denen ein Streit über das Geld oder die Kinder immer wieder in eine Gewalt ausartet, die von beiden ausgeht. Entspricht eben nicht dem Muster zuschlagender Mann und misshandelte Frau.“ Anders ist auch, dass beide an dieser Situation etwas ändern wollen, ergänzt Sabine Schäfer: „Weil sie sich trotz allem, was in ihrer Beziehung schief läuft, als ein ‚Wir‘ empfinden: ‚Es ist schlimm, was wir uns antun, aber wir lieben uns doch. Wir wollen uns nicht mehr so wehtun.‘ In dieser Erkenntnis steckt eine große Kraft zur Veränderung.“

Wenn die Gewalt immer wieder spontan ausbricht
Im Gegensatz zur so genannten patriarchalen Gewalt, die vom Mann ausgeht, um die Partnerin als Person zu unterdrücken und Macht über sie auszuüben, „konzentrieren wir uns auf Paare, bei denen die Gewalt immer wieder plötzlich und spontan ausbricht“, erläutert Marcel Kruse die so genannte situative Gewalt: „In diesen Beziehungen üben beide Gewalt aus, egal ob psychisch oder physisch. So kann auch die Frau körperlich agieren, sie boxt, beißt, tritt nach ihm. In anderen Partnerschaften übt der Mann physische Gewalt aus, und die Frau agiert mit verbaler Gewalt, beleidigt und demütigt ihn. Oder zerstört Dinge, die ihm gehören, sein heißgeliebtes Smartphone zum Beispiel.“
Zur Beratungsstelle im Haus der Caritas in Berlin-Mitte kommen Paare aus allen gesellschaftlichen Schichten, erklärt Marcel Kruse. „Und sowohl der Mann als auch die Frau wollen wieder etwas aus ihrer Partnerschaft machen.“ Dieser Wille, an der Beziehung zu arbeiten, ist elementar für die Beratung, die nach dem „lösungsfokussierten Ansatz“ erfolgt: „Vereinfacht ausgedrückt suchen wir mit den Klienten Antwort auf die Frage: ‚Was ist Ihr Vorschlag, um die Situation bei Ihnen zuhause um einen ersten Schritt zu verbessern?‘“ Jeder der beiden kann also seine Sicht der Dinge schildern, ohne als „Täter“ verurteilt oder in die Schublade „Opfer“ gesteckt zu werden.
Die Lösungsansätze für ihr Gewaltproblem erarbeitet das Paar selbst. Sabine Schäfer nennt Beispiele: „Wenn du eine Auszeit von unseren Streitereien brauchst, lasse ich dich gehen – wenn ich weiß, du kommst zurück.“ Oder: „Jetzt verstehe ich, was ich mit meinen Wutausbrüchen in dir anrichte. Ich bin bereit, an mir zu arbeiten, wenn du beginnst, mehr Verantwortung für unsere Familie zu übernehmen.“ Klingt simpel, ist es aber nicht: „Wenn diese Idee den beiden hilft, ohne Gewalt miteinander klarzukommen, dann ist sie genau richtig.“

Zur Beratung kommen meist Paare, in denen beide Partner wieder etwas aus der Beziehung machen wollen.

Noch wichtiger als diese scheinbar kleinen Lösungen ist, dass beide merken: Sie selber können ihre Situation positiv beeinflussen und so verändern.  An diesem Prozess, die Gewalt aus der Beziehung zu verbannen, kontinuierlich dran zu bleiben ist ein Merkmal der Beratung von „Jetzt Mal Anders“.
Und sollte ein Paar sich nach der Beratung trennen, kann auch das „ein Segen“ sein, ergänzt Marcel Kruse, „zum Beispiel für Paare, die jahrelang in einer Ambivalenz feststecken, weil sie sich weder für noch gegen ihre Beziehung entscheiden können.“

Von Juliane Bittner