27.07.2016

Sommerserie Teil 5

Jesus von Buchenwald

Es gibt Orte und Situationen, an und in denen Menschen Gott als besonders nahe empfinden. In der diesjährigen Tag des Herrn-Sommerserie geht es um solche Orte. Die Redakteure Ihrer Kirchenzeitung stellen ihre spirituellen Orte vor. Heute schreibt Matthias Holluba.

Das Kreuz in der Karmelkirche in Weimar-Schöndorf: Christus ist am Kreuz als König dargestellt, aber seine Gesichtszüge erinnern an einen KZ-Häftling. Fotos: Matthias Holluba
 

Die Erhabenheit einer gotischen Kathedrale oder die Schlichtheit einer romanischen Klosterkirche, die Hauskapelle des Erfurter Priesterseminars oder der Petersdom in Rom, ein Sonnenuntergang am Strand oder der Blick auf die Berggipfel im Hochgebirge – es gibt viele Orte, an denen ich mich Gott nahe fühlen kann. Ein ganz wichtiger Ort für meinen Glauben und für mein Leben passt nicht in diese Aufzählung. Dieser Ort hat nichts Schönes, es ist ein Ort des Grauens: die Gedenkstätte Buchenwald.

Wo ist Gott? Dort, am Galgen.
Eine Viertelmillion Menschen aus allen Ländern Europas war hier zwischen 1937 und 1945 inhaftiert. Schätzungsweise 56 000 Menschen sind ums Leben gekommen. Nach Kriegsende fanden hier noch einmal mindestens 7000 Menschen den Tod im sowjetischen Speziallager Nr. 2, das bis 1950 bestand. Ein Ort der Unmenschlichkeit, die man heute noch erahnen kann, wenn man vor den Öfen im Krematorium oder den Zellen im Bunker steht. Wie kann ein solcher Ort zu einem Ort der Gotteserfahrung werden?
Zahlen sind das eine, noch deutlicher wird das Grauen, wenn Schicksale vor Augen treten. Wie das von Elie Wiesel, dem vor wenigen Wochen gestorbenen Friedensnobelpreisträger, Wissenschaftler und Publizisten. Er überlebte den Holocaust, war in Auschwitz und Buchenwald. In seinem autobiografischen Buch „Die Nacht“ erzählt Wiesel die Geschichte von „Gott am Galgen“.
Die Häftlinge waren gerade von der Arbeit zurückgekehrt, da mussten sie auf dem Appellplatz antreten. Dort standen drei Galgen. Unter den drei Todeskandidaten war ein Kind, „der kleine Pipel, ein Engel mit traurigen Augen“, wie Wiesel schreibt. Nachdem der SS-Lagerchef das Urteil verlesen hatte, weigerte sich der Lagerkapo diesmal als Henker zu dienen. SS-Männer mussten an seine Stelle treten. „,Wo ist Gott, wo ist er?‘ fragte jemand hinter mir“, schreibt Wiesel. Nachdem das Urteil vollstreckt war, mussten die Häftlinge an den drei Erhängten vorüber ziehen. Die erwachsenen Männer waren tot, doch der kleine Junge kämpfte eine halbe Stunde zwischen Leben und Sterben. „Hinter mir hörte ich den selben Mann fragen: ,Wo ist Gott?‘ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ,Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen.‘“
Ich bin ganz in der Nähe der Gedenkstätte Buchenwald aufgewachsen. Und ich erinnere mich noch gut, dass mir irgendwann als Jugendlichem bei einem Besuch in Buchenwald die Frage durch den Kopf schoss: Wo ist hier Gott?

Die Gedenkstätte Buchenwald heute: Wo sich einst der Appellplatz und die Unterkunftsbaracken befanden, ist heute eine weite Fläche. Im Hintergrund das Krematorium (rechts) und die Effektenkammer.

 Bis heute lässt mich diese Frage nicht los – trotz eines Theologiestudiums und einiger Jahrzehnte mehr Lebenserfahrung. Wo ist hier Gott? Diese Frage habe ich mir gestellt, als die Flugzeuge in New York ins World Trade Center flogen oder als Robert Steinhäuser im Erfurter Gutenberg-Gymnasium bei einem Amoklauf 16 Menschen und sich selbst tötete. Ich habe diese Frage gestellt nach dem Tod meiner Mutter und ich stelle sie jetzt nach den Ereignissen von München, Würzburg und Ansbach. Ich stelle sie, wenn ich von verhungernden Menschen höre und von den Opfern von Naturkatastrophen ... Wo ist Gott?

Christkönig mit einem Häftlingsgesicht
Ich habe keine Antwort. Aber in einer Kirche ganz in der Nähe von Buchenwald habe ich etwas gefunden, was mir hilft, mit dieser Frage zu leben. 1957 wurde in Weimar-Schöndorf die Bonifatiuskirche geweiht. Sie ist auch als Sühnekirche für die Verbrechen während der Nazi-Zeit auf dem Ettersberg gedacht. Diese Kirche ist die Pfarrkirche meiner Jugend. Heute ist sie die Kirche des

Matthias Holluba

Karmelitinnenklosters. Im Altarraum hängt ein großes Kreuz. Der Gekreuzigte ist dargestellt als Christus, der König. Blickt man in sein Gesicht, so erkennt man die Züge eines KZ-Häftlings. Für mich ist dieses Kreuz ein Zeichen der Hoffnung und ein Grund dafür zu sagen, es ist vernünftig, an Gott zu glauben. Nicht als billige Vertröstung auf ein Jenseits, in dem Gott eine Antwort auf die Frage geben muss, wo er war – in Buchenwald. Es ist deshalb vernünftig an Gott zu glauben, weil dieser Glaube mir die Kraft gibt, mit meinen kleinen Mitteln etwas zu tun, damit es in der Welt ein bisschen weniger Leid gibt.