08.02.2016

Ist das Wort "coeli" im Messtext korrekt?

Im lateinischen Messtext heißt es: „Pleni sunt coeli et terra gloria tua.“ Jemand wies mich neulich darauf hin, „caelum“ sei ein Neutrum und der Plural müsse daher „caela“ heißen. Aber mir war „coeli“ so vertraut. Tickt der Kirchenhimmel anders oder ich falsch? H. U.-R., Krefeld

Weder noch. Das Ihnen vertraute „pleni sunt coeli ...“ ist die in den liturgischen Büchern (Missale Romanum 2002) verwendete lateinische Formulierung im Sanctus. Grammatikalisch ist das der Nominativ Plural des nach der o-Deklination gebildeten maskulinen Wortes „coelum“ = Himmel. In deutscher Übersetzung heißt es dann: „Erfüllt sind (die) Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit.“ 

Wie die deutsche Sprache hat auch die lateinische Sprache mehrere Entwicklungen durchgemacht. So sind Schreibweisen und Wörter aus dem klassischen Latein (sogenanntes „Spätlatein“) in der mittelalterlichen Form (sogenanntes „Mittellatein“) und danach (sogenanntes „Neulatein“) anders geworden. 

Es gibt also auch das (ältere) Wort „caelum“ für Himmel. Dieses ist eine Neutrumform, deren Plural entsprechend „caela“ – mit zweimal „a“ – heißen würde. Im Mittelalter und in den kirchlichen Gebräuchen wurde stattdessen das Wort „coelum“ verwendet, das auch gegenüber dem Ursprungswort das Geschlecht gewechselt hat und nun ein Maskulinumwort ist, daher der Plural
„coeli“ – mit „o“ und „i“. 

In der Aussprache klingen beide Worte ähnlich; nur wer genau hinhört, wird Unterschiede hören. Aber auch hier gibt es unterschiedliche Aussprachevorschläge von Lateinkennern. 

Vielleicht ist es tröstlich zu erahnen, dass im Himmel nicht nur (Kirchen-)Latein gesprochen wird, sondern dass Gott aller Voraussicht nach alle Sprachen, Dialekte und Artikulationsversuche seiner „Krone der Schöpfung“ verstehen wird – und dass es für ihn sicher nicht auf die Grammatik ankommt, ob jemand „richtig“ tickt.

Von Michael Kinnen