22.03.2013

Anstoss 12/2013

Inneren Frieden durch Annehmen

Eine Frau beichtete mir, dass sie bereits seit acht Jahren von ihrem Mann getrennt lebt, aber dennoch diese Zeit nicht vergessen könne: Es gäbe Phasen, da fühle sie sich regelrecht aufgefressen von Zorn, Ärger und Wut auf ihn.

Es sei ihr peinlich, dass sie dieses Kapitel ihres Lebens nicht hinter sich gelassen habe. Immer mal wieder hänge sie mit trüben und resignativen Gedanken dran. Sie wünsche sich inneren Frieden und wolle endlich die Trennung akzeptieren, aber sie könne es nicht.
Im Verlauf unseres Gesprächs kam mir ein Lehrsatz in den Sinn, mit dem die Kirchenväter vor langer Zeit die Menschheit Christi begründet hatten: Quod non assumptum, non sanatum.  Wörtlich heißt das: Was nicht angenommen wird, wird nicht geheilt. In Bezug auf das Problem der Frau bedeutet der Satz: Wenn es ihr nicht gelingt, die Vergangenheit so anzunehmen, wie sie ist, wird sie keinen inneren Frieden finden.
Doch wie kann man mit schmerzhaften Wunden aus der Vergangenheit leben? Viele Menschen neigen dazu, zu schnell zur Tagesordnung überzugehen: Man möchte die Verletzung nicht wahrhaben und kann sie nicht ehrlich anschauen, weil sie so groß ist und man meint, darunter zu zerbrechen. Statt dessen flüchten sich viele in Aktivitäten oder Arbeit oder Beziehungen oder Sonstiges. So häufen sich bei manchen Schmerzen, Wut, Groll und Ärger, manchmal auch Schuldgefühle. Alle diese Gefühle sind unangenehm und werden deshalb heruntergeschluckt. Haben sie sich aber angesammelt, werden sie sich immer mal wieder melden.
Diesen Widerspruch erleben wir oft im Raum der Stille: Viele Menschen sehnen sich nach Stille und Ruhe, doch wenn es dann wirklich mal still ist – und seien es nur zwanzig Minuten – ist ihnen die Stille sehr unangenehm. Sie fühlen sich mit negativen Gefühlen und Erinnerungen konfrontiert und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Bei den Kirchenvätern lautet die Argumentation ungefähr so: Nur wenn Christus die ganze Last des Menschseins auf sich nimmt und wirklich ein richtiger Mensch wird, kann er die Menschen heilen/erlösen.
Übertragen heißt das: Nur das, was ich in meinem Leben wirklich zulasse, was ich nicht vertusche oder übermale, nur das wird durch die Annahme langsam aber sicher verwandelt. Solche Prozesse spielen sich meist so ab, dass der Erfolg nicht sofort sichtbar ist. Meist dauert es scheinbar endlos und es schmerzt, ein unangenehmes Gefühl zuzulassen. Hat man aber den Mut, auf das eigene Herz zu schauen, verändert sich die Situation langsam zum Besseren.
Schwester Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig