23.06.2016

Biblischer Trotzkopf

Im Mittelpunkt der diesjährigen Religiösen Kinderwoche steht Jona

Dresden. In fast allen ostdeutschen katholischen Pfarreien und in einigen im Westen finden in den Sommerferien die Religiösen Kinderwochen (RKW) statt. In diesem Jahr stehen sie unter dem Thema: „Warum immer ich? Trotzen und motzen mit Jona“.

„Warum immer ich? Trotzen und motzen mit Jona“ – das Motiv der diesjährigen Religiösen Kinderwochen (RKW). Das Material erschien im St. Benno Verlag Leipzig, unterstützt werden die RKW vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken.


„Warum immer ich?“ – eine Frage, die wohl fast jedes Kind schon einmal gestellt hat. Die Teilnehmer der diesjährigen Religiösen Kinderwoche (RKW) werden einer biblischen Gestalt begegnen, die auch fragt: „Warum immer ich?“. Es ist der alttestamentliche Prophet Jona, der von Gott in die Stadt Ninive geschickt wird. Er soll die Einwohner warnen, dass ihre Stadt vernichtet wird. Doch Jona denkt nicht daran, und versucht mit einem Schiff vor Gott und seinem Auftrag zu fliehen.

Jona – ein Mensch mit Ecken und Kanten
„Die Geschichte von Jona deckt das ganze Spektrum der menschlichen Gefühle und Empfindungen ab: Trauer, Glück, Angst, Hoffnung, Eifersucht, Einsicht, Wut und Freude. Indem Jona diese Emotionen äußert, zeigt er sich uns als ein Mensch wie wir: Ein Mensch mit Ecken und Kanten“, erklärt Stephan Schubert, Kinderseelsorger des Bistums Dresden-Meißen. Er hat mit einem Team das diesjährige RKW-Material ausgearbeitet. In jedem Jahr ist ein anderes ostdeutsches Bistum damit an der Reihe.
Jona war dabei nur eines der möglichen Themen. In der näheren Auswahl waren auch die Veränderungsprozesse in den Bistümern, der Katholikentag mit seinem Motto „Seht, da ist der Mensch“ oder die Schöpfungsgeschichte, berichtet Stephan Schubert. Schließlich hat Jona sich auch gegen andere biblische Figuren wie Daniel oder Joseph durchgesetzt.
Der Verlauf der RKW orientiert sich am Buch Jona. Stephan Schubert: „An fünf Tagen erfahren die Teilnehmer, dass Gott auch heute Menschen in die Verantwortung nehmen möchte, an einer Welt mitzubauen, in der Barmherzigkeit herrscht und in der nicht nach menschlicher, sondern nach Gottes Gerechtigkeit gehandelt wird.“ So geht es am ersten Tag etwa darum, wie Gott Jona seinen Auftrag gibt. „Die Frage für die Kinder lautet: Rechnen wir heute noch damit, von Gott angesprochen zu werden?“ Am zweiten Tag geht es um den Versuch Jonas, sich von Gott und seinem Auftrag zurückzuziehen. Am dritten Tag erkennt Jona, dass Wegrennen nicht zum Ziel führt. Er versucht über das Gebet neu mit Gott in Kontakt zu kommen. Im Mittelpunkt des vierten Tages steht dann, dass Jona seinen Auftrag doch ausführt und Gott dadurch Großes bewirkt. „Für die Teilnehmer heißt das: Vielleicht können auch wir Großes bewirken? Auf den Versuch kommt es an!“
Doch damit ist die Geschichte von Jona noch nicht zu Ende. Stephan Schubert: „Das Buch Jona hat ein offenes Ende.“ Gottes Erbarmen für die Stadt Ninive, nachdem deren Einwohner Buße getan haben, passt Jona nicht. „Jona trotzt und motzt noch, selbst als Gott als Ausdruck seiner Barmherzigkeit ihm gegenüber eine schattenspendende Pflanze wachsen lässt. Aber statt zur Einsicht zu kommen, wünscht sich Jona den Tod. Für die Kinder heißt die Frage an diesem Tag: Bin ich dabei, auch wenn Gott anders handelt?“

Meine Zukunft oder die Zukunft aller Menschen?
Das offene Ende des biblischen Buches Jona richte an die Leser Fragen, so Stephan Schubert: „Seid ihr euch selbst am Wichtigsten oder geht es um mehr? Habt ihr nur euch und eure Zukunft im Blick oder geht es euch – wie Gott – um die Zukunft aller Menschen? Will ich dabei sein, Gottes lebensbejahenden Plan für mich und die Welt umzusetzen, auch wenn ich mich damit auf etwas Ungewisses einlasse?“ Darüber werden die Kinder nachdenken.
Für Stephan Schubert ist es die erste RKW, die er mit ausgearbeitet hat. Nun ist er gespannt, „ob die Ideen, die wir hatten, auch funktionieren“. So gibt es beispielsweise für den vierten Tag die Idee, dass RKW-Teilnehmer in die Stadt gehen und versuchen, mit den Menschen über ihre Probleme ins Gespräch zu kommen und nach Lösungen zu suchen. „Das kann gerade in Pegida-Zeiten zu einer spannenden Sache werden“, hofft Stephan Schubert.

Von Matthias Holluba