01.04.2013

Anstoss 13/2013

Ich will mich meiner Schwachheit rühmen

Die Überschrift für diesen Anstoß ist dem zweiten Korintherbrief entnommen (2 Kor 12,5) und auch der Gedanke stammt, um ehrlich zu sein, nicht von mir, sondern von Franz Kamphaus, dem emeritierten Bischof von Limburg.

Paulus rühmt sich seiner Schwachheit, weil er sich von Leuten abgrenzen will, die in Korinth wie Superapostel auftreten. Menschen, die eher versuchen, Gott zu spielen, statt ihm zu dienen. Was ist dran an der Schwachheit und welche Bedeutung hat sie für die Jünger Jesu? Geht es im Christentum wirklich darum, die Schwachheit als Tugend zu verstehen und sie damit zum Vorbild für ein christliches Leben zu machen?
Das wäre dann auch eine gute Erklärung, warum die moderne Welt mit der Botschaft des Christentums so wenig anfangen kann. In der Welt hat Schwäche keinen Platz. Staaten können sich Schwäche nicht leisten, sonst werden sie ganz schnell bis auf Ramschniveau abgewertet, wie es im Zeitalter der Rating-Agenturen heißt. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, dürfen sich keine Schwäche erlauben, sonst verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Du und ich versuchen, die eigene Schwäche zu verbergen, damit wir vor anderen nicht bloßgestellt werden können.
Aber genau das ist ein Problem. Es ist ja nicht so, dass es die Schwäche nicht gäbe. Es gibt sie und es kostet viel Kraft, in einer Welt gnadenloser Sieger zu leben. Das fängt im Kindergarten an, wo man an den Kindergeburtstagen sehen kann, wer zu den Gewinnern gehört und wer nicht; es setzt sich in der Schule fort, in der es um „in or out“ geht; es bestimmt unser Arbeitsleben, in dem wir uns keine Schwäche, keinen Fehler erlauben dürfen; und es reicht bis in unsere Beziehungen, wenn wir Angst haben, vor dem Partner oder der Partnerin Schwäche zu zeigen. Es ist ein uralter Traum der Menschheit, stark und unverwundbar zu sein. Aber diese zur Schau gestellte Stärke wird für uns leicht zur Achillesferse. Denn was ist, wenn die Fassade bricht, wenn es uns einmal nicht gelingt, Sieger zu sein?
Paulus rühmt sich darum seiner Schwachheit, denn „wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,9). Je mehr es dem Menschen gelingt, sich seiner Schwachheit zu rühmen, sie anzunehmen, desto größer fällt der Sieg des lebendigen Gottes aus. Franz Kamphaus vergleicht diesen Umgang mit der menschlichen Schwäche in einer kleinen Geschichte mit einem Menschen, der versucht, vor seinem Schatten davon zu laufen. Er läuft und läuft, ohne dem Schatten zu entkommen, bis er endlich tot umfällt. Dabei hätte er sich einfach nur in den Schatten eines großen Baumes stellen müssen. Das tun wir in diesen Tagen. Wir stellen uns in den Schatten des Kreuzesbaumes. An diesem Baum ist uns Gott so unheimlich nahegekommen, dass es kaum zu glauben ist. Wer das kann, hat einen Ort gefunden, an dem er seine Achillesferse verliert, weil er in diesem Schatten auch in seiner Schwäche aufrecht stehen kann. Ich glaube, das ist wie ein neues Leben. Halleluja!
Kaplan Marko Dutzschke, Cottbus