10.10.2013

Dominik Koch lernt, mit seiner Familie zu trauern

„Ich brauchte etwas, was mir Halt gibt“

Eine Mutter verliert ihr Kind. Dominik Koch erlebt diese Situation, als seine kleine Schwester noch vor der Geburt stirbt. Der Tod belastet die Familie, aber Dominik verweifelt nicht daran, sondern liest in der Bibel – und findet Trost.

„Ich war auf der Suche nach einem Notanker. Ich brauchte etwas, was mir Halt gibt.“ Dominik Kochs Stimme ist langsamer geworden. Zuvor hat der 24-Jährige über seine katholische Erziehung erzählt, über seine Schulzeit im Gymnasium der Benediktiner in Augsburg, über das Abwenden von der Kirche in der „Adoleszenz“. Dominik kennt Fachsprache und Bibelzitate, er verwendet lateinische und griechische Begriffe. Doch als es um die Suche nach dem Halt geht, da werden seine Sätze einfach. Ohne Pathos und gerade deshalb berührend: „Als meine Mutter ihr Kind verloren hat, da habe ich mich nicht von Gott abgewandt“, sagt Dominik und fügt hinzu: „Ich habe mich an Gott gewendet und darin den Halt gefunden. Sicherheit. Vertrauen. Hoffnung.“


An diesem Sonntag geht es um das 5. Kapitel im 2. Buch der Könige. Die Passage handelt von Naaman, der Feldherr des Königs von Aram, der wegen eines Ausschlags Hilfe in Israel sucht. Als ihn der Gottesmann Elischa anweist, im Jordan zu baden, wird Naaman wütend. Er glaubt nicht, dass er auf diese Weise Hilfe findet. Am Ende tut er es dennoch, wird von seinem Aussatz geheilt und erkennt: „Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel.“
Vor acht Jahren: Dominik ist ein ordentlicher Schüler und ein noch besserer Fußballer. Glaube oder gar Kirche, das spielt zu dieser Zeit kaum eine Rolle. Bis zu jenem 6. Juli. Es ist ein Mittwoch. Seine Eltern sind bei einer Regeluntersuchung, alles Routine. Sie freuen sich auf ihr Kind, haben bereits einen Namen gefunden. Beim Arzt die Diagnose: Selbststrangulation durch die Nabelschnur. Tod, bevor zur Welt gekommen. „Wir hatten meinem kleinen Bruder gerade erst erzählt, dass er ein Geschwisterchen bekommt. Und dann kamen meine Eltern heim, mit dieser Nachricht“, erinnert er sich. „Wir hatten einen Teil unserer Familie verloren.“

Verzweifelung am Grab der kleinen Schwester

Wenig später wird die kleine Isabella auf einem Friedhof in Augsburg beerdigt. Mit einem Grabstein für ein Leben, das gerade erst geschenkt worden war. Das zu Ende war, kurz nachdem es begonnen hatte. Um das Grab herum andere Kindergräber. Davor Eltern, die auch nach Jahren noch weinend darauf blicken. Die Engel und Trostsprüche, sie dringen nicht vor, zu dicht der Schleier der Verzweiflung. Viele von ihnen hadern, suchen nicht einen Sinn, sondern einen Schuldigen, schreien vielleicht sogar ihre Wut heraus. Wie für Naaman ist es schwer, in dieser Situation auf die Hilfe jenes „Gottes Israels“ zu vertrauen. Ausgerechnet auf ihn, der das Leid nicht verhindert hat.
Dominik tut etwas anderds, er beginnt in der Bibel zu lesen. Besonders in den Psalmen und der Passionsgeschichte findet er Trost, und noch mehr: „Ich kann nicht genau erklären, weshalb ich so reagiert habe. Wahrscheinlich ein bestimmtes Glaubensfundament, das ich hatte. Als ich mich damit beschäftigt habe, habe ich gefühlt, wie es mich stärkt. Und dann ist es wirklich so, wie man sagt: ,Aus dem Glauben erwächst Interesse und aus dem Interesse erwächst Glauben.‘“

 

Dominik Koch hat mit seiner Familie die Trauer überwunden. Foto: privat

Nach dem Abitur begann Dominik zu studieren. Durch Kommilitonen wurde er auf Theologie aufmerksam und entschloss sich, Religionslehrer zu werden. Er studierte in Rom an der Gregoriana und hielt für Kinder Firmkatechese. Fußball spielte der Augsburger weiterhin, oder besser: Er wollte spielen. Im August 2012 riss sein Kreuzband das erste, im Januar 2013 das zweite Mal. Jedes Mal folgte eine lange Zeit der Reha: „Man kann so eine Verletzung nicht mit dem vergleichen, was wir damals, als meine Mutter Isabella verloren hat, durchgemacht haben. Aber auch in diesen Situationen habe ich meinen Glaube als Kraftquelle erfahren. Deshalb bin ich Gott vor allem dankbar, dass ich wieder gesund bin.“

„Ich fühle mich bei und durch Gott aufgehoben“

Seit wenigen Wochen ist Dominik wieder im Fußballtraining, stand in Punktspielen schon auf dem Rasen. Das Staatsexamen wird seine nächste Prüfung, danach darf er endlich seinen Traumberuf ausüben. Als Religionslehrer sieht er sich vor einer Aufgabe, bei der Schüler wenig Interesse für das Fach oder gar offenen Ablehnung gegen den Glauben zeigen. Nicht um „katechetische Unterweisung mit missionarischem Charakter“ gehe es ihm, so der 24-Jährige. Aber durchaus darum, Zeugnis von seinem Glauben abzulegen. Zeugnis davon, was Dominik Koch immer wieder erfahren hat. In den dunklen Tagen des Juli 2005. Und vielen anderen Tagen danach: „Der Glaube gibt mir Kraft, weil es mir ein Gefühl von Sicherheit bringt. Ich fühle mich bei und durch Gott aufgehoben. Nicht nur, wenn etwas Dramatisches passiert, sondern gerade auch im Alltag.“

Von Simon Biallowons