24.07.2014

Anstoß 30/2014

"Hypezig" – Kirche und Diaspora

„Leipzig ist Hypezig.“ So titelten kürzlich deutsche Medien. Berlin war gestern, heute ist Leipzig angesagt. Junge Leute, viele Partys, preiswertes Wohnen und Kunst machen Leipzig zu einem Ziel der Szene.

Gestern stand Leipzig noch in den angesagten Berlin-Reiseführern als Sehenswürdigkeit. Morgen wird es wohl umgekehrt sein und Berlin als Ausflugstipp in den Leipzig-Reiseführern empfohlen.
Die Gegenwart der Stadt ist tatsächlich von dynamischer wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung geprägt. Kunst und Kultur werden durch die bedeutenden Hochschulen für bildende und darstellende Kunst und Musik befeuert. Die Universitäts- und Hochschullandschaft verjüngen die Stadt mit ihren 30 000 Studierenden. Das Kürzel LE will, etwas verwegen, auf Parallelen zur kalifornischen Metropole Los Angeles verweisen.
Leipzig besitzt dagegen aber auch den unschönen Titel „Armutshauptstadt“. Das verfügbare individuelle  Monatseinkommen verweist die Stadt auf Platz 50 der 50 größten deutschen Städte.
Die christlichen Kirchen stehen in Leipzig vor dem Phänomen „Atheismus“. Leipzig steht hier allerdings exemplarisch für den gesamten Osten Deutschlands. Hier ist christliche Diaspora. Nur eine Minderheit von etwa 20 Prozent der Menschen bekennt sich zu einer der christlichen Konfessionen. Den meisten Menschen fehlt der Glaube an Gott offensichtlich nicht. Sie gestalten ihr Leben ohne eine religiöse Dimension. Die Rolle vor allem der evangelischen Kirchen bei der friedlichen Revolution vor 25 Jahren hat zu keiner verstärkten Hinwendung zum Glauben geführt. Die Kirchen boten den Menschen damals zwar die nötigen Freiräume, sich zu organisieren. Die Hoffnungen, der christliche Glaube könnte in der Gesellschaft des deutschen Ostens wieder Fuß fassen und sich ausbreiten, ist geschwunden.
Für uns Christen ist das eine Herausforderung. Sitzen wir Christen in einem veralteten, sinkenden Schiff, das dringend der Abwrackung oder zumindest der Komplettüberholung bedarf? Was bewegt Gott, das zuzulassen? Ist der Glaube an ihn Last oder Lust?
Gott handelt aber auch hier. Er ist auch hier der Souverän. Er tut offensichtlich nicht das, was wir von ihm erwarten. Glaube heißt vertrauen. Vertrauen stärken heißt, nach den Früchten zu suchen, die Gottes Handeln hervorbringt. Das Glück der Menschen, die Gott irgendwann vergessen haben, ist so eine Frucht. Gott ist für sie der Namenlose, Anonyme geworden, der unsichtbar das Fundament baut, auf dem wir Menschen stehen.
Damit haben die Kirchen eine wichtige Aufgabe. Sie sind die Zeugen für diesen Gott, der alles trägt. Gott Stimme und Gesicht zu leihen, ihm zu danken, Klage vor ihn zu bringen und um Trost und Segen zu bitten ist unsere Aufgabe.

P. Ralf Sagner OP, Leipzig