07.05.2012

Anstoss 18/2012

Hört Gott, wenn ich ihn rufe ?

In den so genannten Abschiedsreden verspricht Jesus, die Jünger nicht allein zu lassen, wenn er zum Vater geht (Joh 14).

In vielen Pfingstnovenen findet sich das Versprechen Jesu als Bitte der Gläubigen wieder: Herr, lasse uns nicht als Waisen zurück. Jeder ehrliche Beter wird zugeben, dass er sich schon einmal die Frage gestellt hat, ob Gott eigentlich zuhört. Mich hat beeindruckt, was der Theologiestudent Benjamin Kaschula aus Erfurt dazu geschrieben hat:
„Wenn kleine Kinder abends zu Bett gehen, haben sie es oft gern, wenn die Tür einen Spalt offen steht. Sodass etwas von dem Licht im Flur ins  Zimmer fällt. Das Kind weiß, wenn das Licht brennt, sind die Eltern zwar nicht unbedingt in Sichtweite, aber sie sind da. Es weiß sich geborgen und kann ruhig einschlafen. Geht es uns nicht auch so, dass wir uns im Leben oft nach diesem Licht sehnen? Dass wir gern die Tür einen Spalt weit geöffnet haben? Wer ist für uns der, bei dem wir uns geborgen wissen und der für uns in irgendeiner Weise immer da ist? Diese Fragen kommen im Bitt- und Marienmonat Mai, aber auch dann, wenn es uns nicht gut geht; wenn wir für einen kranken Freund beten; wenn eine Prüfung bevorsteht oder wenn wir in Not und Leid nicht weiter wissen, weil es zu dunkel um uns scheint. Deutlich wird diese Erfahrung auch in der Heiligen Schrift, beispielsweise bei Ijob, der, um seine Familie trauernd, mit dem Verlust seines Hab und Guts hadernd, von Krankheit gezeichnet, mit sich und mit Gott ringt. Er erträgt sein Schicksal tapfer und betet oft flehend zu Gott. Aber Gott scheint ihn nicht zu hören. Es sieht so aus, als würde der Widerstand des betenden Ijob keinen Erhörer finden.
Da kann einem schnell der Gedanke kommen, warum Ijob eigentlich beten soll? Warum soll er Gott um Hilfe rufen, wenn ihm – trotz seiner Demut und Treue – doch nicht geholfen wird? Wofür bete ich denn eigentlich, wenn ich bete? Und wohin bete ich?
Wir dürfen uns sicher sein, Gott hört, sieht und weiß von alledem. Auch Ijob hat letztlich Gottes Hilfe erfahren. Er hat gemerkt, dass es sich lohnt, im Vertrauen auf Gott Widerstand zu leisten, um das helle Licht herein zu lassen, das ihm den Weg leuchtet und ihn begleitet. So kann das Bittgebet eine Form des Widerstandes gegen diese verschlossene Tür sein. Viele Menschen haben diesen Widerstand gemeinsam, beispielsweise in den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts, geleistet. Oft haben sie die schlimme Zeit nicht nur miterlebt, sondern waren bereit, kraft ihres Glaubens zu widerstehen. So kann auch heute jeder Einzelne im Gespräch mit Gott ganz persönlich das sagen, was ihn aus der Bahn wirft, ja manchmal sogar nicht mehr weiter wissen lässt. Wir dürfen um die Kraft des Heiligen Geistes bitten, die uns Hoffnung bringt. Und wir dürfen Mut haben, die Tür aufzustoßen, um Gott Eintritt zu gewähren. Dass wir dazu in der Lage sind, haben wir Gott zu verdanken. Er befähigt uns dazu. Mit dem Gebet öffnen wir die Tür, aber das Licht kommt nicht von uns. Wenn wir die Tür verschlossen lassen, kann sein Licht uns nicht erreichen, obwohl es immer da ist.
Gebet ist der Widerstand, mit dem wir uns gegen die verschlossene Tür stemmen, um sie ein Stück weit zu öffnen. Das hat auch Ijob erfahren, trotzdem oder gerade weil er gebetet hat in Zeiten, in denen er (fast) verzweifelte. Der Philosoph Michael Theunissen sagte einmal: ,Bitten und Empfangen ereignen sich nicht nacheinander, sondern miteinander.‘ Das ist die Zuversicht, die wir haben, wenn wir Gott bitten.“
Kaplan Marko Dutzschke, Cottbus