09.07.2015

Anstoß 28/2015

Heiliger Stellplatz

Jeden Abend, wenn mein Sohn im Bett liegt, bekommt er einige Lieder gesungen. Es sind immer dieselben Lieder, und zwar seit seiner Geburt. In das Repertoire, das er sich allabendlich einfordert, gehört auch das Lied „Zu dir schick‘ ich mein Gebet“.

Himmlischer Beistand für ein Kind ist nicht verkehrt, befand ich, als mein Sohn noch ganz neu auf der Welt war. Und so kam es zu der Wahl dieses Liedes. Bei diesem kann man den oder die jeweilige/n Heilige/n in die Strophen einsetzen. Also: „Zu dir schick ich mein Gebet, das um deine Hilfe fleht, heiliger  „XY“, im Falle meines Sohnes: heiliger Matthias. Seit mehr als zehn Jahren wird dieses Lied schon gesungen, und im Laufe dieser Zeit gab es immer mal einige Änderungen bei den Heiligen.
Also, wenn mein Sohn gerade bei Tante und Onkel zu Besuch war, kommt es durchaus vor, dass er darauf dringt, anstelle von „heiliger Matthias“ „heilige Monika“ oder „heiliger Jocki“ (= Joachim)  zu singen. So fanden nach und nach alle Familienmitglieder ihren Platz, der je nach Erlebnis immer neu besetzt wird. „Heilige Michelle“ (Mitschülerin)  kommt darin genauso vor wie „heiliger Busfahrer“.
Mein Sohn sieht die Welt ja mitunter mit anderen Augen. Und dieses Phänomen öffnet mir im übertragenen Sinne die meinigen. So sah ich zum Beispiel, dass er die Menschen, deren Namen er einsetzt, unter einem besonderen Schutz wissen möchte. Weil sie ihm – zumindest für eine gewisse Zeit – besonders lieb und teuer sind. Den heiligen Joachim der Geschichte kennt er nicht, weiß nicht, dass dieser angerufen wird. Überhaupt ist ihm die ganze Thematik mit den Heiligen etc. (noch) fremd. Wenn also ein Name in dem Lied eingesetzt wird, dann von jemandem, den er kennt und sehr mag. So ist es nicht verwunderlich, als er neulich auf etwas ganz Außergewöhnlichem bestand. Anstelle von „heiliger Matthias“ sollte „heiliger Stellplatz“ gesungen werden. In unserer Straße sieht es nämlich mit den Parkplätzen nicht so üppig aus.
Wer einen nach der Arbeit ergattert hat, überlegt sich dreimal, ob er wirklich noch einmal mit dem Auto weg muss. Denn keine drei Minuten später ist auch sein Parkplatz weg und einen neuen zu finden, kann einige Runden um das Wohngebiet dauern. Mit viel Glück haben wir vor einigen Monaten einen festen Stellplatz auf einem Hinterhof angeboten bekommen – und mein Sohn liebt ihn. „Heiliger Stellplatz“ – dass mein Sohn das singen wollte, warf Fragen an mich auf.
Was ist mir heilig? Es gibt so vieles, das einem im übertragenen Sinn heilig ist. Der Kaffee am Morgen, das Viertelstündchen Ruhe am Nachmittag, bevor alle anderen Familienmitglieder wieder zu Hause sind, der heiß ersehnte Urlaub, das lang ersparte Auto… Für Dinge, die einem heilig sind, wird oft viel in Kauf genommen, wird investiert. Was ist mir heilig – und ist es das wirklich wert? Will sagen: Hat das letztendlich vor Gott Bestand?

Andrea Wilke, Erfurt