30.10.2014

Anstoß 44/2014

Heilige

Schlendert man durch die Devotionaliengeschäfte an Wallfahrtsorten und schaut sich die angebotenen Heiligenbilder an, gibt es fast immer nur zwei Möglichkeiten: Kopien von Ikonen aus einer der ostkirchlichen Traditionen oder Kopien der Heiligenbildchen des 19. Jahrhunderts.

Aus den Ikonen schauen uns strenge, fast unbewegte Gesichter direkt an. Die grafische Reduzierung und Formalisierung ist gewollt. Dabei sind jene Ikonen, die in ihren engen formalen Grenzen die Dargestellten menschlich bewegt zeigen, berühmte Klassiker geworden und oft in Kunstmuseen zu finden. Der mittelalterliche Ikonenkünstler Andrei Rubljow hat beeindruckende Meisterwerke geschaffen. Die unzähligen mehr oder weniger gelungenen Kopien seiner Ikonen belegen das.
Durch eine gewisse Formalisierung ihrer Malerei traten die Maler der Nazarener-Schule ebenfalls als Individuen hinter die dargestellten christlichen Szenen zurück. Sie knüpften dabei an antike Vorbilder an, schufen aber ein eigenständiges und mittlerweile anerkanntes Genre. Die Heiligenbildchen, denen man die Herkunft aus dieser Richtung zwar noch ansieht, sind dagegen keine Reproduktionen, sondern bonbonbunte und sentimentale Nachempfindungen einer missverstandenen Nazarener-Malerei. Dieses kitschige Sortiment ist so ein Spiegel weitverbreiteter Auffassungen von Heiligkeit. An Lebensferne und Blutleere ist das kaum zu übertreffen.
Die wirkliche Gemeinschaft der Heiligen besteht im Gegensatz dazu aus wirklichen Menschen. Und wirkliche Menschen leben oder lebten ein irdisches Leben voller Widersprüche. Das geht allen Menschen so. Wir Christen sind zu Heiligen berufen, ausnahmslos jeder. Was uns Normalos von den Heiligen vielleicht unterscheidet, ist unser Verhältnis zu unseren Schwächen, Fehlern und Sünden. Intuitiv empfinden wir Menschen, die um ihre Schwächen und Fehler wissen und sie nicht beschönigen, als stark. Ehrlichkeit und Authentizität nennen wir das heute eher. Auch Helden, die ihre Kraft und ihre Talente nicht nur für sich, sondern für andere einsetzen, nehmen wir fast intuitiv als Vorbilder. Christen, die so handeln, sind heilig, da sie wie Christus selber handeln. Die Gemeinschaft der Heiligen in und mit der wir leben, trägt und gibt uns Kraft. Die Kirche zeichnet ein paar dieser Menschen nach ihrem irdischen Leben aus. Sie gestattet offiziell ihre Verehrung. Doch jedem ist gestattet, seine persönlichen christlichen Vorbilder zu lieben. Pater Aurelius Arkenau, der bekannte Dominikaner, hat in einer Rede diese Vorbilder einmal so charakterisiert: „Derjenige ist der beste Christ, der mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit steht, der zwar den Tau des Himmels in sich hineintrinkt, aber auch das Mark der Erde in sich hineinisst“. Diesen unbekannten Heiligen ist das Fest Allerheiligen gewidmet.

Von Pater Ralf Sagner OP, Leipzig