02.10.2014

Medizin und Theologie

Heilen, nicht nur behandeln

Halle. Menschen vertrauen bei Krankheit nicht allein der Schulmedizin - sie suchen auch Hilfe bei Therapeuten, Homöopathen und Heilern. Christliche Theologie steht dieser Situation bislang zurückhaltend gegenüber. Dabei wäre die Sorge um Heilung durch geistige Kräfte Aufgabe von Medizin und Religion.

Eine Ärztin spricht bei der Visite in einem Krankenhaus mit einer Patientin. Ziel von Arzt-Patienten-Gesprächen muss es nicht zuletzt sein, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, die der Heilung im umfassenden Sinn dient. Foto: Jochen Tack (epd-bild)

Geistige Kräfte spielen bei der Heilung eine wichtige Rolle. Viele Menschen wissen oder spüren das und suchen entsprechend nach Hilfe. Doch im Krankenhaus finden sie diese Hilfe immer weniger. Und in der christlichen Theologie ging man in den letzten Jahrzehnten mit dem Glauben an Heilungen, wie sie von Jesus im Neuen Testament nachdrücklich berichtet werden, eher zurückhaltend um. Die Kranken ihrerseits suchen Hilfe bei Therapeuten, Homöopathen, Schamanen und Heilern anderer Richtungen. Auf dem Hintergrund dieser Situation fand bereits im Juni in Halle eine Veranstaltung der Katholischen Akademie zum Thema „Heilung durch geistige Kräfte. Esoterisches Versprechen oder genuines Angebot der Religion?“ statt.
„Die Schulmedizin hat nicht auf alle Fragen Antworten und die Folgen sind scheinbare Ausweglosigkeit“, gesteht der Ärztliche Direktor des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara in Halle, Dr. Walter Asperger, nüchtern. Und genau in dieser Situation fänden sich genügend Bewerber außerhalb der klassischen Medizin, einzuspringen und für den Patienten nach Auswegen und Möglichkeiten zu suchen. Dabei sei es durchaus Auftrag des Arztes, und erst recht eines Arztes eines christlichen Krankenhauses, sich um das ganzheitliche Wohl des Patienten zu sorgen, also seine Heilung im Blick zu haben, so Asperger. Im Krankenhaus jedoch gehe die Kunst des Heilens verloren, wenn es die Ärzte immer mehr aufgeben, dem Patienten auch hinsichtlich seiner Probleme außerhalb der organischen Erkrankung Hilfe anzubieten.
Wichtige Gründe für diese negative Entwicklung sieht der Ärztliche Direktor in der Naturwissenschafts- und Technikgläubigkeit bei Patienten und Ärzten und im gestörten Arzt-Patient-Verhältnis einschließlich eines um sich greifenden Anspruchsdenkens von Patienten. „Wir müssen leider feststellen, dass nicht nur ein gewisser Vertrauensverlust stattgefunden hat, sondern die grundhafte Beziehung zwischen Arzt und Patient in ihren Fundamenten zunehmend gestört wird bis hin zu Misstrauen“, sagt Asperger. Und: „Unser Kerngeschäft haben wir gelernt. Den Patienten nicht nur zu behandeln, sondern zu heilen, halte ich für ungleich schwerer. Unabdingbare Voraussetzung jedoch ist der Aufbau einer funktionierenden Mensch-zu-Mensch-, bei uns: Arzt-Patienten-Beziehung.“

Vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Arzt
Äußerst negativ auf den Auftrag, den Patienten zu heilen, wirke sich zudem der stetig steigende ökonomische Druck aus, „der die Existenz von Krankenhäusern bedroht oder zumindest in Frage stellt“. Asperger: „Die Folgen spiegeln sich in der Fragmentierung der Behandlung, der Überbewertung der handwerklich-technischen Qualität, aber einer Reduzierung der Beziehungsqualität wider. Die betriebswirtschaftliche Überformung des Krankenhauses führt zwangsläufig zur Aushöhlung des medizinischen Ethos und moralischen Dissonanzen.“ „Der einzelne Arzt, die Ärzte, vor allem auch Verantwortungsträger finden sich in Gewissenskonflikten wieder, in einem Zwiespalt von eigenem Gewissen und Faktischem. Dazu gehören neben dem schon Geschilderten auch Patientenwille und Patientenrechte.“
Dennoch ist Asperger überzeugt, dass es zur Aufgabe des Arztes gehört, zu heilen, und dass dies auch möglich ist. „Wir müssen lernen, trotz aller geschilderten Probleme grundlegende Aspekte einer echten, vertrauensvollen Beziehung zum Kranken zu beachten und eine solche zu ermöglichen“, wie dies übrigens auch Jesus bei seinen Heilungen praktiziert habe. Dafür gelte es Zeit einzubringen. „Viel wichtiger“ aber ist, „durch persönliches Verhalten, durch Worte, und vor allem durch Gesten, durch Berührung, dem Kranken die Absicht zu verdeutlichen, eine Beziehung aufbauen zu wollen, welche von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist“, sagt der Mediziner. Wieviel sage etwa ein ehrlich gemeinter Händedruck, „welche Rückschlüsse kann ich aus dieser kleinen Geste ziehen“: „Ich bin bei Dir, ich fühle mit Dir. Wir schaffen das! Geistige Kräfte freisetzen, übertragen.“
Jesus jedenfalls habe Heilung bewirkt, indem er sich dem Kranken und seinem Leiden und der oft damit verbundenen Isolation oder gar Aussetzung zugewendet hat“, die es – teilweise auf andere Weise – auch heute vielfach gebe. An den Wunderheilungen Jesu etwa in Markus 2,1-11 oder Matthäus 8, 1-4 werde deutlich: Jesus berührt die Kranken, er spricht mit ihnen, tritt in einen Dialog ein, fordert sie zum Mittun auf. Er baut die Beziehung auf, welche letztlich Heilung ermöglicht. Asperger: „Ich denke, genau dort liegt das Problem der Schulmedizin, nicht nur die Behandlung im medizinischen Sinn, sondern die Heilung im Blick zu haben. … Und genau da sehe ich auch unsere und die Aufgabe der Religion oder aber unsere Aufgabe aus der Religiosität heraus!“
Das sieht auch Theologie-Professorin Regina Radlbeck-Ossmann von der Universität Halle so und beklagt, dass ihre eigene Disziplin auf dem Gebiet von Krankheit und Heilen bisher nicht gut aufgestellt und deshalb heute umsomehr  „herausgefordert ist, über religiöse Heilungen durch geistige Kräfte nachzudenken“.Ein Zeichen dafür, dass dies an der Zeit ist, sei auch das „heute wieder große Interesse für die Heilungen Jesu“ in der Bibelwissenschaft. Die Historiker, so Radlbeck-Ossmann, sagen: Jesus war ein bedeutender Lehrer. Und er entfaltete eine spektakuläre Heiltätigkeit. Daraus erklärt sich sein Erfolg. Für Jesus waren „seine Heilungen ein kleiner, aktuell bereits greifbarer Anhaltspunkt für das Große, das er verkündete, dessen Verwirklichung aber noch ausstand und bis heute aussteht“. „Jesu Mission zielte auf ein ganzheitliches, unbegrenztes und ewiges Heil für alle Welt.“ Seiner Umwelt machten die Zeichen klar: „Gottes lebensspendende Macht kann selbst Grenzen überwinden, die nach menschlichem Ermessen unverrückbar sind.“
„Medizin und Theologie sollten ein intensives Gespräch über Heil und Heilung führen“, ist die geschäftsführende Direktorin des Instituts für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Universität Halle überzeugt. Gängige Praxis im Klinikalltag sei es: „Theologen kommen ins Spiel, wenn es für den Mediziner nichts mehr zu tun gibt.“ Doch in der Kulturgeschichte habe es bis vor 200 Jahren die alte und weit verbreitete Koppelung medizinischer und religiöser Bewältigungsmuster gegeben, an die auf heutige Weise angeknüpft werden müsse: „Fragen aus dem Umfeld von Gesundheit, Krankheit und Heilung fordern den Menschen so sehr heraus, dass er zu ihrer Bewältigung stets nicht nur medizinische, sondern immer auch religiöse Perspektiven bemüht.“

Auf die Fragen nach Heil und Heilung Antworten anbieten
„Immerhin“, so die Professorin für Systematische Theologie,  „stellen wir gegenwärtig fest, dass die Etablierung neuer, religiöser Angebote offensichtlich in hohem Maße davon abhängt, dass eine Religion die Fragen nach Heil und Heilung schlüssig beantworten kann.“ Das zeige sich aktuell sehr deutlich an den weltweit agierenden Pfingstkirchen und auch an charismatischen Gruppen in der katholischen Kirche, in denen die Erfahrung einer von Gott geschenkten Heilung eine große Rolle spielt. Diese Erfahrungen von Heilung wiederum führten zu einem starken Zulauf zu diesen Kirchen. Doch ihre Angebote erwiesen sich „bei näherer Betrachtung nicht selten als fragwürdig“. Zugleich aber zeige das Phänomen: „Menschen erwarten auch heute, dass Religionen heilend wirken“, so Radlbeck-Ossmann.
Auch Anbieter aus dem Gebiet der Esoterik erheben den Anspruch, zur Heilung von Menschen beizutragen, erinnert die Theologin. Dabei kommen Bachblüten, Düfte, Farben und Steine zum Einsatz. Andere Angebote arbeiten mit Berührungen, Körperübungen und vor allem mit dem Wort. Aus der Fülle der Traditionen würden dafür religiöse Texte, Gebete, Rituale entnommen und bunt gemischt.
Statistiken und Schätzungen zufolge suchen jährlich mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland bei geistigen Heilern Hilfe – Tendenz steigend, so die Professorin. 60 bis 80 Prozent der Patienten, die solche Angebote nutzten, würden subjektiv von einer spürbaren Besserung ihres Gesundheitszustandes, wohlgemerkt ihres subjektiven Gesundheitsempfindens berichten. Auch wenn es also meist um Schmerzlinderung oder um einen verbesserten Umgang mit der Krankheit gehe, außerdem die Nachhaltigkeit der Effekte offen bleibe und verlässliche Studien fehlten, seien Medizin und Theologie gefordert, so Radlbeck-Ossmann. „Beide Disziplinen haben sich der Tatsache zu stellen und darauf zu reagieren, dass Menschen die Bereiche Gesundheit, Krankheit und Heilung immer auch als eine geistig-religiöse Wirklichkeit verstehen.“ Andernfalls hinterlasse man eine Lücke, die „von anderen, teils fragwürdigen Anbietern gefüllt wird“.
Zugleich seien beide Disziplinen gerade dort gefordert, wo Scharlatane am Werk seien oder problematische Wertvorstellungen auch im christlichen Namen vertreten werden. Bei letzteren gehe es besonders um Aussagen, „die Krankheit als Folge von Schuld oder Sünde verstehen wollen“. „Diese religionsgeschichtlich längst überholten Argumentationen werden heute weltweit im großen Stil wieder aufgelegt. Ihre Wirkung auf kranke Menschen ist nachweislich fatal.“ Leider sei ihre „eigene Wissenschaft“ „auf diesem Gebiet zu zögerlich, entmündigende Formen von Religion und naiven Wunderglauben zurückzudrängen“, so Radlbeck-Ossmann. Dabei müsse es Aufgabe der Theologie sein, „ihre Mitarbeit dort anzubieten, wo es um die Einhaltung religiöser Standards geht. Es kann einer Gesellschaft nicht egal sein, wenn sich in ihr Religiositäten etablieren, die die im Verlauf der Moderne erkannten religiösen Standards unterlaufen.“
Doch im Bereich eines Heilens durch geistige Kräfte gebe es keineswegs nur schwarze Schafe, so die Theologin. „Dem Korintherbrief zufolge gibt es ein Charisma der Heilung. Ich gehe davon aus, dass jeder gute Arzt und jede gute Psychotherapeutin über dieses Charisma verfügt.“ Allerdings sei unbedingt davon auszugehen, dass dieses Charisma nicht nur Menschen anerkannter Heilberufe haben. Stattdessen ist „grundsätzlich mit der Möglichkeit einer Heilung durch geistige Kräfte auch außerhalb medizinischer und psychologischer Professionalität zu rechnen“, so Radlbeck-Ossmann. Der Theologie komme es in diesem Feld komplexer Fragestellungen zu, die verschiedenen Akteure ins Gespräch zu bringen und dabei zu helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Von Eckhard Pohl