19.11.2014

Ökumene lebt. Und sie klemmt. Dabei ist christliche Einigkeit wichtiger denn je

Hauptsache Christ!

Neben der Liturgiekonstitution war das „Dekret über den Ökumenismus“ das Konzilsdokument mit den meisten praktischen Auswirkungen. Vor genau 50 Jahren wurde es gemeinsam mit der Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ verabschiedet und galt als großer Wurf. Heute will die kirchliche Basis mehr.

Umarmung beim Antrittsbesuch: Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm verstehen sich. Foto: kna-bild

 

Letzten Sonntag in der Kirche. Eine evangelische Freundin meiner Tochter war da. Als ich mich wunderte, erklärte sie mir: „Mia ist gerade im Konfirmationsunterricht und ihr Pastor ist ziemlich offen. Die Gottesdienst-Punkte kann sie auch bei uns holen.“ Das ist Ökumene heute: Egal in welche Kirche du gehst – Hauptsache du gehst! 

Auch auf offizieller Ebene versteht man sich gut. In jedem Bistum werden in diesen Tagen ökumenische Dankgottesdienste zum Jubiläum des Konzilsdekrets gefeiert. Der Antrittsbesuch beim katholischen Vorsitzenden, Kardinal Reinhard Marx, war einer der ersten offiziellen Termine des neuen evangelischen Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. „Kardinal Marx und ich werden weiter die Ökumene der kurzen Wege pflegen“, sagte der – und das nicht nur, weil er mit dem Fahrrad angereist war.

Und trotzdem: Es knackt im ökumenischen Gebälk. Man müsse Profil zeigen, sagen einige – und zwar in beiden Kirchen. Der jüngste evangelische Grundlagentext „Rechtfertigung und Freiheit“ stieß auf heftige Kritik. Kirchenversöhnende Übereinkommen würden komplett verschwiegen“, schimpfte etwa Kardinal Walter Kasper, und der Ökumeniker Wolfgang Thönissen beklagte, protestantische Positionen seien dort so zugespitzt, „dass eine ökumenische Verständigung von vornherein ausgeschlossen ist“. 
 

Das Reformationsgedenken als Gratwanderung

Das Reformationsgedenken 2017 wird deshalb eine Gratwanderung für beide Seiten. Werden es „Lutherfestspiele“, die nur die Reformation feiern oder ein „Christus-Fest“, in dem „Dankbarkeit und Freude über die gegenseitige Wiederannäherung“ eine entscheidende Rolle spielen, wie der „Ökumenebischof“ Gerhard Feige in unserer Zeitung vorschlug?

Es ist ein Dilemma, vor dem die Kirche steht: Einerseits ist theologisches Profil wichtig und Ökumene mehr als süßlicher Einheitsbrei. Andererseits wächst der Eindruck, dass dogmatisch-politische Auseinandersetzungen vielen weitgehend egal sind – zumal wohl weder alle Katholiken noch alle Protestanten gemäß ihrer jeweiligen Katechismen glauben.

Stattdessen wächst in Zeiten zunehmender religiöser Vielfalt und gleichzeitig wachsender Religionslosigkeit die Notwendigleit, als Christen Profil zu zeigen. In ethischen Debatten, bei denen das in der Vergangenheit oft nicht gelang und aktuell in Fragen der Sterbehilfe. Im Einsatz für Arme oder Flüchtlinge. Und unbedingt im Bemühen, den Glauben an Jesus Christus wachzuhalten. Dass dafür Spaltungen „ein Schaden“ sind und „offenbar dem Willen Christi widersprechen“ – das wusste das Ökumenismusdekret schon vor 50 Jahren.

Von Susanne Haverkamp