12.02.2015

Tschechischer Künstler setzt sich mit dem Glaubensschwund auseinander

Halleluja in der Geisterkirche

Das hatte ich so nicht erwartet. Ich kenne viele Kirchen, die einer neuen Nutzung zugeführt wurden und jetzt eine Bibliothek, Atelier oder ein Wohnhaus geworden sind. Und hier im böhmischen Luková bei Marienbad fand ich eine Geisterkirche vor.

Pfarrer Wolfgang Teichert, der im Ruhestand in Meiningen lebt, besuchte die Kirche in Luková und stimmte ein Halleluja an. Fotos: Wolfgang Teichert

Der Mörtel bröckelt von den Wänden. Balken stützen den Chorraum und bewahren ihn vor dem Einsturz. „ Mein Haus ist ein Bethaus.“ Diesen Bibelvers kann man noch vor dem Altarraum entziffern. In weißen Laken sitzen gesichtslose Wesen in der Sankt Georg Kirche. Kleine Fotos ehemaliger Bewohner des Ortes liegen auf den Seitenaltären. Auf dem Friedhof sind noch deutsche Namen auf den Gräbern zu finden. Nach der Vertreibung der Sudetendeutschen ist die Kirche, die es hier seit 1352 gibt, immer mehr zerfallen. Als das alte Gotteshaus Ende des 18. Jahrhunderts ausbrannte, baute man sie im neoromanischen und neogotischen Stil wieder auf.

Ein Projekt der Kulturhauptstadt Europas
Im Jahre 1968, so erzählt der ehrenamtliche Kirchenführer Petr Koukl, stürzte während einer Beerdigung das Dach ein. 1938 zählte der Ort 536 Katholiken und 8 Nichtkatholiken. Er gehört heute zur Gemeinde Manetin, die nordöstlich von Marienbad im Egerland liegt. Bis Pilsen ist es eine Stunde Fahrt auf der Landstraße.
Die 32 Skulpturen und Erinnerungszeugnisse ehemaliger Bewohner in der Kirche wurden vom Künstler Jacob Hatrava in einer Installation zusammengefasst, die ein Projekt der Kulturhauptstadt Pilsen 2015 ist. Er war von der Gemeinde Manetin gebeten worden, etwas zu tun, um die Kirche vor dem endgültigen Verfall zu retten. Mit seinem Werk wolle er der Welt zeigen, dass dieser Ort eine Vergangenheit habe und ein Teil des alltäglichen Lebens gewesen sei, aber dass das Schicksal einen großen Einfluss auf das Leben hatte. Ziel seines Projektes sei es, so sagt Jacob Hatrava, den Besucher mit der Welt der Vergangenheit zu konfrontieren, als die Kirche und der Glaube für Menschen ein natürlicher Teil des Lebens war. Glaube hatte einen großen Einfluss auf die Gestaltung der Persönlichkeiten. Kirche sei ein Ort, wo man Gott begegnet, ein Ort, der in erster Linie für die Weckung des Guten im Menschen da ist.

Es ist, als würden die Seelen der Altvorderen für die Menschen beten, die nicht mehr zur Kirche kommen und sie verfallen ließen.

Die Tatsache, dass dieses Gebäude jetzt leer und verfallen ist, zeige – so der Künstler – auch den Zustand der Menschen heute, die auch „mental verschlechtert und manchmal auch zerfallen“ seien. Er wolle auf dieses Problem aufmerksam machen  und zum Nachdenken anregen, wie wichtig eigentlich die Kirche sei. Schließlich wolle er versuchen, eine gewisse Heiligkeit der Kirche wiederzugeben, dass sie sich erholt von grober Behandlung und Gleichgültigkeit.
Studenten saßen dem Künstler Modell, die er mit Tüchern und Gips überhangen hatte, bis alles soweit getrocknet war, dass sie wieder aus der Hülle schlüpfen konnten. Schweigend sitzen sie nun in den Bänken, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen  und wollen an die ehemaligen Besucher erinnern, die jeden Sonntag hierher zum Beten in die Kirche kamen. Dem unvorbereiteten Besucher allerdings schlägt beim Betreten der Kirche Unheimlichkeit entgegen.
Von nah und fern kommen die Menschen in diesen Ort. Man findet ihn nicht ohne weiteres. Mein Navi wollte mich in eine ganz andere Gegend in Tschechien schicken. Besucher kommen aus Deutschland, aber auch aus anderen Ländern wie aus Australien und Japan, wie man in dem Gästebuch sehen kann. Ihre Spenden, die der Kirchenführer in einem Plastik Lourdes Behälter gern einsammelt, werden den Grundstock für die Renovierung der Kirche bilden.

Vision  einer Kirche ohne Menschen
Zum Nachdenken anzuregen, das ist dem Künstler gelungen. Mich persönlich hat die St. Georgs Kirche in ihrem Zustand und mit den stummen Gläubigen sehr beeindruckt und bewegt. Ich habe in der Geisterkirche nicht nur das Kunstprojekt gesehen. Ich frage mich, ob der Künstler hier unbewusst eine Vision der Kirche von übermorgen in Europa gestalten wollte, eine Art Spiegel den Christen vor Augen hält. Wenn die Menschen wegbleiben, werden die Kirchen zerfallen und Geisterkirchen werden. An ihrer Stelle werden jedoch die Seelen der Gläubigen weiterhin anbeten. Ich denke, soweit muss es allerdings nicht kommen. Wir haben es in der Hand. Deshalb habe ich mich gern zu den Geistern in die Bank gesetzt und schon mal ein fröhliches Halleluja gesungen, die bessere Variante der Vision.

Internet: www.lukova-kostel.cz, Kirchenführer Petr Koukl ist unter Telefon 0 42 06 06 16 96 36 zu erreichen. Er spricht nur wenig Deutsch.

Von Wolfgang Teichert