12.06.2013

Eindrücke aus dem Hochwassergebiet entlang der Elbe bei Dresden

Gummistiefel für den Bischof

Die katholischen Pfarreien in Dresden-Zschachwitz, Meißen und Pirna waren 2002 von der Jahrhundertflut besonders betroffen. Nur elf Jahre später gab es nun ein vergleichbares Hochwasser.

Ein besonderes Geschenk hatte Pirnas Pfarrer Norbert Büchern für Bischof Heiner Koch bei seinem Besuch in der vom Hochwasser betroffenen Gemeinde: ein paar gelbe Gummistiefel für weitere Erkundigungen in der Hochwasserregion. Foto: Matthias Holluba

Dresden / Meißen / Pirna. 60 Zentimeter machen einen Unterschied“, sagt Vinzenz Brendler. Als die Elbe 2002 bei der sogenannten Jahrhundertflut mit 9,40 Meter in Dresden ihren Höchststand erreichte, stand auch das Gelände seiner Pfarrei in Dresden-Zschachwitz unter Wasser. Jetzt liegt zwar noch ein Haufen Sandsäcke auf dem Gelände und zeugt davon, dass sich die Gemeinde auf das Hochwasser vorbereitet hatte. Doch außer Grundwasser in einigen Räumen hat Pfarrer Brendler keine Schäden zu verzeichnen. Der Höchststand der Elbe lag diesmal bei knapp 7,80 Meter.
Doch nicht nur auf dem Pfarrgelände, im ganzen Stadtteil sieht es anders aus als vor elf Jahren. Zwar liegen hier und da vor den Häusern Haufen mit Dingen, die durch das Hochwasser unbrauchbar geworden sind, aber bei weitem nicht so viel wie 2002. „Die Menschen waren besser vorbereitet. Alles lief organisierter und ruhiger ab“, ist der Eindruck des Pfarrers. Dort, wo das Elbwasser hingekommen ist, gibt es auch diesmal wieder schwere Schäden, etwa in einer nur rund einen Kilometer entfernten Caritas-Behinderteneinrichtung. Auch in anderen Teilen des Bistums sieht es schlimmer aus, zum Beispiel in Grimma. Und weiter die Elbe entlang in Sachsen-Anhalt, wo das Hochwasser teilweise 60 Zentimeter höher war als 2002, ist die Situation dramatischer.

Hochwasserschutz an den Gebäuden
Dass die Pfarrei in Zschachwitz keine großen Schäden zu verzeichnen hat, liegt zwar zuerst am niedrigeren Pegel. Aber: „In den letzten zehn Jahren ist auch viel in Sachen Hochwasserschutz geschehen“, sagt Johannes Hübner, seinerzeit Bauamtsleiter des Bistums und jetzt im Ruhestand. In Zschachwitz etwa wurde dafür gesorgt, dass Sickerwasser schnell abfließen kann. Es gibt die Möglichkeit Flutschutzwände einzubauen und eine neue Grundstücksmauer schützt ebenfalls vor Hochwasser. Neben Zschachwitz waren die Kathedrale und das Haus der Kathedrale in Dresden, sowie die Pfarreien Meißen und Pirna Schwerpunkte in Sachen baulichem Hochwasserschutz im Bistum, sagt der frühere Bauamtsleiter.
In Pirna hat sich das bei diesem Hochwasser ausgezahlt: Die nahe an der Elbe gelegene Klosterkirche stand 1,70 Meter unter Wasser. Pfarrer Norbert Büchner ist trotzdem fast so etwas wie glücklich, denn die getroffenen Vorkehrungen haben funktioniert. Die Orgel wurde auf Stelzen gesetzt und unter den Sitzbänken des Kirchenschiffs befindet sich ein Podest, in das Styropor eingelegt wurde. Im Falle eines Wassereinbruchs sollten die Bänke auf den Fluten treiben. „Und das hat funktioniert“, sagt der Pfarrer. Als Beweis zeigt er ein Video von den schwimmenden Kirchenbänken, das er mit seinem Handy aufgenommen hat.
Auch ihre Pfarrkirche St. Kunigunde hatten die Pirnaer auf das Hochwasser vorbereitet. Während in den Nachbarhäusern - zum Beispiel bei der Caritas - die Menschen mit der Beseitigung der Hochwasserfolgen beschäftigt sind, blieb die Pfarrkirche trocken. Trotzdem wird es ein besonderer Gottesdienst, den Bischof Heiner Koch am Sonntagabend mit den Pirnaern feiert. Noch sind die Kirchenbänke übereinander gestapelt. Es gibt keinen Strom. Mit Hilfe eines Notstromaggregats wird die Kirche notdürftig erleuchtet. Ein einfacher Tisch dient als Altar. Der Bischof, der einen Tag eher vom Eucharistischen Kongress in Köln zurückgereist ist, hatte am Vormittag Flutopfer in der Region Gera besucht. Jetzt erzählt er den Pirnaern davon und auch davon, dass er keine Antwort auf die Fragen nach dem Warum hat. „Gott ist groß und unfassbar.“ Aber: „Gott ist auch ganz klein und hat ein Herz für uns Menschen.“ Die Kirche sei eine Gemeinschaft, die den Zug des Todes aufhalten und helfen müsse zu leben. „Ich möchte Ihnen herzlich danken für alle Hilfe, die Sie in diesen Tagen leisten. Das ist ein Glaubenszeugnis“, sagt der Bischof und verspricht finanzielle Unterstützung seitens des Bistums.
Bei den Pirnaern kam der Besuch des Bischofs gut an. „Es ist gut, wenn sich der Bischof kümmert. So merken die Leute, sie sind nicht allein. Das gibt neue Kraft“, sagt Karsten Buchholz. Er ist einer von vielen Helfern in der Pfarrei, auf die Pfarrer Büchner sich verlassen kann. Und nachdem der Pfarrer dem Bischof ein paar gelbe Gummistiefel für weitere Erkundungen in der Hochwasserregion geschenkt hat, geht es wieder zur Tagesordnung dieser Katastrophentage: „Wer kann morgen bei Aufräumarbeiten helfen?“ Und vor allem: „Geht zu den Leuten. Guckt, wo Not herrscht. Und meldet uns diejenigen, die Hilfe brauchen.“
Hilfe für die Betroffenen - darum geht es auch in der Pfarrei Meißen. Pfarrer Bernhard Dittrich bitte seine Gemeindemitglieder, Menschen, die Hilfe brauchen, im Pfarrhaus zu melden. Eine, die schon Hilfe gefunden hat, ist Monika Seltmann. „Ich war in der Stadt unterwegs, um für eine 88 Jahre alte Frau, die auch evakuiert werden sollte, Besorgungen zu machen. Da traf ich den Kaplan.“ Als er fragte, wie es ihr gehe, sagte Monika Seltmann, dass auch sie ihre Wohnung verlassen müsse. Kurzerhand nahm der Kaplan sie in der Gästewohnung des Pfarrhauses auf.

Mitten am Tag ein Fest der Auferstehung
„Es war eine Woche zwischen Bangen und Hoffen“, sagt Pfarrer Dittrich. Als er mit den Gemeindemitgliedern eine Woche zuvor die Pfarrkirche ausgeräumt hat, hat er sich gefragt, „wann wir hier wohl das nächste Mal Gottesdienst feiern können“. Dass die neben der Pfarrkirche fließende Triebisch diesmal nicht die Wucht wie 2002 entwicklet hat, ist für den Pfarrer eine Auferstehungserfahrung im Alltag, wie er in der Predigt sagt. Und er zitiert ein altes Jugendlied: „Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung ...“ Matthias Holluba