22.03.2018

Gottesdienstbeauftragte in Gardelegen

Ohne geht es nicht mehr

Gottesdienstbeauftragte leiten inzwischen zahlreiche Sonntagsgottesdienste auch in den Pfarrkirchen. Die Pfarrei Gardelegen, deren Pfarrer jetzt auch für die Nachbarpfarrei Salzwedel verantwortlich ist, ist ein Beispiel dafür.


Wie in manchen anderen Pfarrkirchen auch, findet in St. Michael  in Gardelegen aller 14 Tage am Sonntag eine Wort-Gottes-Feier statt. Das Bild zeigt Norbert Wernike und einige Gemeindemitglieder nach dem Gottesdienst. | Foto: Eckhard Pohl


Fast zehn Jahre schon gibt es an jedem zweiten Sonntag in der Pfarrkirche St. Michael in Gardelegen keine heilige Messe, sondern eine Wort-Gottes-Feier. Gottesdienstbeauftragter Norbert Wernike (59) erinnert an diesem Sonntagmorgen bei seiner Begrüßung die kleine, versammelte Gemeinde daran, bevor er den Gottesdienst mit Kommunionfeier mit dem Kreuzzeichen eröffnet.
Wernike gehört von Anfang an zu den Gottesdienstbeauftragten in seiner Pfarrei. 2008 fand unter Leitung von Klaus Tilly vom Fachbereich Pastoral in Gardelegen dafür ein Ausbildungsgang statt. „Wir waren elf Teilnehmer, vier aus Gardelegen, vier aus Oebisfelde und drei aus Klötze“, erinnert sich Gemeindemitglied Wernike, der im Zivilberuf Geschäftsführer bei einer Firma für die Unterhaltung von Fließgewässern ist. „Am Anfang stand bei uns allen die Frage: Werden die Wort-Gottes-Feiern überhaupt angenommen? Inzwischen haben wir viele gute Erfahrungen damit gemacht“, so Wernike. „Gemeindemitglieder sagen immer wieder einmal: Das habt ihr wieder prima gemacht. Oder: Ich finde es gut, dass du, wenn Messe ist, mit in der Bank sitzt, und wenn nicht, dass du vorn stehst und selbst den Gottesdienst leitest.“
Wernike wechselt sich mit drei weiteren Gottesdienstbeauftragten in Gardelegen ab. „So bin ich aller zwei Monate mit dem Dienst an der Reihe“, sagt der gestandene Katholik, Familienvater und dreifache Opa, der bis vor sechs Jahren auch im Pfarrgemeinderat seiner Gemeinde aktiv war und regelmäßige Fahrdienste für Gemeindemitglieder überahm. Dreimal im Jahr kommen die Beauftragten auch aus Oebisfelde und Klötze zusammen, um ihren Einsatz mit dem Pfarrer und untereinander abzustimmen.
Wernike fühlt sich für den liturgischen Dienst gut gewappnet. „Die Ausbildung zum Gottesdienstbeauftragten empfanden wir richtig gut. Es wäre vermutlich für fast alle Katholiken hilfreich, einmal Aspekte des Glaubens zu überdenken.“ Auch das jährliche Weiterbildungsangebot der Fachakademie für Gemeindepastoral sei in Ordnung, sagt Wernike. In der Vorbereitung auf seine Dienste falle es ihm allerdings zum Teil nicht leicht, eine situationsgerechte, ansprechende Lesepredigt zu finden, räumt der Gottesdienstbeauftragte ein. Seine Frau Heidrun fährt immer mit ihm zusammen zu den Wort-Gottes-Feiern: „Sie schaut, ob ich für meinen Dienst am Altar vernünftig angezogen bin“, sagt Wernike dankbar und augenzwinkernd.

Große Entfernungen und wenig Christen
„Ohne die Gottesdienstbeauftragten würde es nicht gehen“, lobt der Gardelegener Pfarrer Andreas Lorenz (57) seine ehrenamtlichen Mitstreiter aus der Pfarrei. Seit sein Kollege Andreas Müller (69) aus der Nachbarpfarrei Salzwedel im Herbst vergangenen Jahres schwer erkrankte und nun in den Ruhestand versetzt wurde, ist er – was allerdings mittelfristig schon vorgesehen war und einstweilen so bleiben wird – auch Administrator für die dortige Pfarrei St. Laurentius. Das Gebiet umfasst auf einer Fläche von 2387,4 Quadratkilometern damit Orte wie Salzwedel, Arendsee, Klötze, Kalbe (Milde), Oebisfelde, Mieste, Beetzendorf, Gardelegen, Letzlingen mit insgesamt rund 2400 Katholiken.
„Der Altmarkkreis ist so groß wie das Saarland, hat aber mit 85 236 Einwohnern (31. Dezember 2016) weniger als ein Zehntel der Einwohner des Saarlandes“, ordnet Norbert Wernike die Situation ein. „Ganz viele Jugendliche gehen zur Ausbildung aus unserer ländlichen Region weg und kommen nicht mehr zurück. Andere Gemeindemitglieder sind schon vor Jahren auf der Suche nach Arbeit weggezogen.“ Entsprechend klein sei inzwischen die Zahl der Gottesdienstbesucher.
„Wir stehen zudem in einer Krise des Glaubens“, sagt Pfarrer Lorenz. „Selbst manche älteren Katholiken nehmen den Glauben nicht mehr so wichtig“, sagt der erfahrene Seelsorger. „Wenn ich zum Beispiel älteren Menschen zu Hause die Kommunion bringen will und mich anmelde, kommt manchmal: ,Ach, da passt es mir aber gerade nicht.‘ Manchmal komme ich mir ein bisschen so vor wie ein Staubsaugerfirmen-Vertreter, der an den Türen klingelt“, sagt Lorenz mit Witz und einer Spur Ironie.
In der gegenwärtigen Glaubenskrise habe keiner ein Patentrezept, so der Pfarrer. Hier und da sehe er aber Ansatzmöglichkeiten: „Ich erlebe zum Beispiel in Alterspflegeheimen, aber nicht nur dort, dass viele Menschen sehr allein sind. Könnte es nicht eine Chance sein, sich bewusst regelmäßig zu treffen, ein Gebet, vielleicht auch einen Schriftkreis miteinander zu halten und darüber hinaus gemeinsam Zeit zu verleben? Irgendwann werden es vielleicht auch die Handy-Fans verstehen, dass ein echtes Miteinander mit Menschen schöner ist als nur über das Gerät.“
Lorenz, der seit 2006 Pfarrer in Gardelegen ist, versucht, in der Seelsorge Dinge zu vereinfachen, hat zum Beispiel mit den Gemeinden Gottesdienste so gelegt, dass vieles machbar bleibt. So findet jetzt sonntags in Arendsee kein Gottesdienst mehr statt, dafür aber aller 14 Tage Samstagabend. In Gardelegen ist 10.30 statt 10 Uhr Sonntagsgottesdienst. In Kalbe (Milde) und Mieste können keine Gottesdienste mehr an Wochenenden/Feiertagen stattfinden, in Kalbe aber aller 14 Tage freitags. In Dähre (Pfarrei Salzwedel) ist überhaupt kein Gottesdienst mehr. Lorenz: „Die Sitzung der Pfarrgemeinderäte von Gardelegen und Salzwedel machen wir jetzt gemeinsam. Beide Gemeinden ticken recht ähnlich. Das ist eine Chance für ein gutes Miteinander.“

Pfarreileitungsteams als nächster Schritt?
„Wir haben uns in Gardelegen daran gewöhnt, dass 14-täglich am Sonntag Wort-Gottes-Feier ist“, sagt Gabriele Reinhardt (53) aus Letzlingen. Es kämen zwar im Vergleich zur Sonntagsmesse mit Pfarrer Lorenz ein paar Gemeindemitglieder weniger. „Aber es ist ja anders gar nicht mehr möglich. Wir sorgen uns ohnehin um unseren Pfarrer, dass er das kräftemäßig alles schafft“, so Reinhardt, die selbst zum Team der Gottesdienstbeauftragten der Pfarrei gehört. Wie es nun weitergehen wird, da der Pfarrer nun auch für die Pfarrei Salzwedel Verantwortung trägt? „Von der Bildung von Pfarreileitungsteams wie in Bad Liebenwerda und Hettstedt sind wir vermutlich nicht so weit entfernt“, vermutet Norbert Wernike. Wenn er mal nicht mehr seiner Berufsarbeit nachgehen muss, kann er sich vorstellen, dabei aktiv mitzuwirken.

Von Eckhard Pohl