27.08.2015

Anstoß 35/2015

Gott möchte das Heil der Menschen

Vor kurzem rief ich die Hotline einer großen Telekommunikationsfirma an. Nach einer kurzen Wartezeit hatte ich dann auch einen Berater am anderen Ende der Leitung, dem ich alle meine Anliegen vorbrachte.

Andrea WilkeMit viel Geduld erklärte er mir manches, denn ich bin, was einige technische Dinge angeht, etwas unterbelichtet. Der Berater überraschte mich, als er mich darauf hinwies, dass ich monatlich einiges zu viel bezahlte. Ich hatte mich einige Jahre zuvor zu einigen technischen Neuerungen überreden lassen, die ich letztendlich gar nicht nutzte. So änderte er etliche Dinge in meinem bestehenden Vertrag, was sich für mich von nun an finanziell positiv auswirkt. Ich war begeistert.
So eine tolle und freundliche Beratung. Das konnte ich nicht für mich behalten und erzählte es bei der nächsten Gelegenheit im Kollegenkreis. Nach dem Ende meiner Ausführungen warf jemand ein: „Na, das machen die doch nicht aus Freundlichkeit. Die wollen dich als Kunden an sich binden.“ Das saß. Aus dieser Perspektive hatte ich mein tolles Erlebnis noch gar nicht betrachtet. War alles nur Geschäftemacherei? Eingeübte Freundlichkeit? Vorgegaukeltes Verständnis für meine technischen Defizite? Kann sein, dass mein Kollege Recht hat. Doch etwas in mir sträubt sich dagegen, immer alles erst unter dem Blickwinkel des Misstrauens zu sehen. Ich bin nicht gewillt, bei jedem Guten, das mir jemand tut, zu fragen: Was steckt wohl dahinter? Welche Absichten hat der Geber wirklich? Und umgekehrt: muss ich damit rechnen, wenn ich jemandem freundlich begegne, ihm helfe oder etwas schenke, dass mir vielleicht bestimmte Absichten unterstellt werden?
So ein Misstrauensdenken verhindert es, sich spontan und unbeschwert über Gutes zu freuen und dankbar dafür zu sein. Es lässt einen die Anderen auch nicht mehr unvoreingenommen sehen. Immer wird gleich ein Kalkül vermutet.
Gott hat uns das Gegenteil vorgemacht, nämlich den Anderen um seiner selbst willen zu lieben, und nicht mit irgendwelchen Hintergedanken. Gott liebt den Menschen, weil er dessen Heil möchte. Er kennt jeden bis in die Haarspitzen und hätte wohl sehr oft gute Gründe, ihm zu misstrauen. Und doch entzieht er seine unvoreingenommene Liebe nicht. So ist es uns möglich, immer wieder neu anzufangen, trotz aller Fehler und Sünden. Das gehört zu unserer Freiheit, die er uns geschenkt hat.
Ich gebe zu, ich bin so manches Mal auch wirklich enttäuscht worden. Da habe ich vorbehaltlos das Gute geglaubt und wurde ausgenutzt. Manchmal wird mir eine gewisse Naivität nachgesagt, die es verhindert, dass ich manches nicht sofort durchschaue. Aber wenn selbst Gott immer und immer wieder Vertrauen schenkt, kann das von Mensch zu Mensch doch nicht verkehrt sein.

Von Andrea Wilke, Erfurt