18.06.2014

Anstoß 25/2014

Glaubens-WM

Eine Fußballweltmeisterschaft ist schon faszinierend. Milliarden Menschen schauen oder hören täglich die Spiele, reden mit, halten sich mehr oder weniger für Fachleute, fiebern mit ihren Mannschaften und genießen das Spiel. Dabei ist ihnen das, was auf dem Rasen passiert, nicht egal. Ehrlich soll es zugehen, Fouls sollen bestraft und Abseitstore erkannt werden. Und zum Schluss möchte doch bitte die eigene Mannschaft gewinnen.

Fußball wird nicht nur zu WM-Zeiten geschaut, sondern weltweit Tag für Tag auch gespielt. Opa spielt mit der Enkelin, in den Slums werden Plastiktüten zu Bällen geformt, die einen spielen im Verein, die anderen auf dem Hinterhof.
Die Regeln sind halbwegs klar. Was ein Ball und was Tor ist, weiß jeder. Egal ob Profi mit Millionengehalt oder Spielplatzkicker aus Hintertupfenen. Jeder kann sich berufen fühlen, irgendwie dabei zu sein. Ob mit Abseitsregel, Torlinientechnologie oder ohne, Hauptsache der Ball rollt.
Das lässt sich durchaus mit dem Glauben an Gott vergleichen. Die meisten Menschen auf dieser Welt glauben an etwas Höheres. Sie hören auf Prediger, Muezzine, Pfarrer, Schamanen. Sie beten in allen möglichen Sprachen und Formen. Viele versuchen im Spiel zu bleiben und natürlich halten sie ihren Glauben meist für am nächsten dran am lieben Gott. Auch hier soll es ehrlich zugehen, die Bösen sollen bestraft werden und zum Schluss möchte jeder mit auf der Gewinnerseite stehen. Die Regel, Gott zu ehren und die Menschen zu achten, kennt jeder. Egal, ob geweihter Würdenträger in heiligen Hallen oder einfacher Gläubiger aus dem Wüstenemirat.
Aber da auf Erden ja nicht alles perfekt ist, gibt es im Fußball wie im Glauben natürlich auch eine Problemanzeige: fanatische Fans. Also Menschen, die das Spiel der anderen verachten und ihr eigenes Team für das einzig Wahre halten.
Ist dieses plumpe „Nur wir Gegröle“ im Fußball schon ärgerlich, für Glaubende wird Fanatismus richtig peinlich. Gott schaut ins Herz und sortiert vermutlich weniger nach Konfessionen und Religionen, als wir meinen. Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe, der Dienst am Nächsten wird von vielen gläubigen Menschen gelebt, unabhängig von Taufschein und Glaubensbekenntnis. Natürlich halte ich auf meine Mannschaft. Natürlich hoffe und glaube ich, dass sie richtig gut ist. Aber das ist kein Grund dafür zu glauben, dass die anderen nicht mit im Spiel sind.
Und hier dürfen uns die Unterschiede mehr Mut als Angst machen. Nicht weil es egal ist, was wer glaubt, sondern weil wir Gott getrost zutrauen können, dass er das Spiel geniesst und damit klarkommt, dass es verschiedene Teams, Spielorte und Regelvarianten gibt. Wenn wir fühlen, spüren, glauben und hoffen, dass er bei unserem Team dabei ist, sollten wir die Frage nach dem Turniersieg einfach ihm überlassen – und mindestens nach dem Fairplaypokal streben.
Von Guido Erbrich, Magdeburg