09.09.2011

Anstoss 28/2011

Glauben im Wellengang

Dresden, 1. Juni 2011, 22.30 Uhr: Es ist ein zartes und gewaltiges Bild zugleich. Zum Abendsegen des ersten Tages des 33. Deutschen Evangelischen Kirchentags, erstrahlt das Licht von Tausenden Kerzen am Ufer der Elbe.

Menschen halten dünne Kerzen in den Händen und reichen sich das Licht weiter. Es ist dunkel und langsam kommen von weit hinten brennende Lichter schwimmend die Elbe herab. Es werden mehr und mehr bis ein riesiger Strom von gelben und roten Leuchten den Fluss glänzen lässt. Die Menschen an den beiden Ufern summen einen Ton, von irgendwoher erklingt leise ein Chor und ein kurzes gesprochenes Gebet. Das ruhige und starke Bild breitet sich in der Seele aus.
Am Ende des Tages singen alle gemeinsam „Kein schöner Land“, gehen langsam nach Hause oder sitzen noch eine Weile am leuch-tenden Fluss. Hier könnte das wunderschöne Bild zu Ende sein – ist es aber nicht. Die Kerzen schwimmen ja weiter. Sie tragen das Licht der Begeisterung den Fluss weiter hinab. Und jetzt kommt der Punkt, der wahrscheinlich von der Choreographie überhaupt nicht so gedacht war, aber das Bild erst wirklich komplett macht.
Etwas abseits der Massen rasen Feuerwehrleute mit Motorbooten durch das Kerzenmeer und versuchen diese wieder auszubekommen. Das geht recht einfach, die Boote machen große Wellen und viele der Kerzen werden kurz überspült und erlöschen. Es sind einige Boote und die Fahrer geben sich wirklich große Mühe. Aber trotz allem Elan gelingt ihnen das  nicht bei allen Kerzen. Einige überstehen das tosende Wasser und im Tempo des Flusses gleiten sie an den Booten vorbei und weiter hinaus in die Nacht. Ein wunderschönes Bild des Glaubens. Es ist leicht, sein Licht leuchten zu lassen, wenn das Leben brodelt, wenn alle in Eintracht beieinander sind und alle gemeinsam das Fest des Lebens feiern. Es ist leicht sich von dieser Stimmung anstecken und ein Stück tragen zu lassen. Aber was passiert, wenn die Massen weg sind? Wenn die Glaubenslöschkommandos kommen und Wellen machen. Hat der Glaube noch Bestand oder verschwindet er in den Fluten. Wie muss man sich bewegen, dass die Wellen einen nicht untergehen lassen, sondern das Licht weiter getragen wird? Dass es auf den Wellen tanzt und Bestand hat. Dieser Kampf mit den Feuerlöschern des Glaubens tobt, seit es Kirche gibt.
Spannend ist doch die Frage: Welche Wellen erschüttern meinen Glauben, was macht mir Angst, den Gott zu verkünden, der die Liebe ist. Werde ich mich an das Kerzenmeer erinnern, das mich trägt, wenn mein Glaubenslicht allein durch die Welt segelt? Reicht mein Mut weiter als die Angst? Ich bin froh, dass es Glaubensmomente wie die Kirchentage gibt, die in Deutschland längst alle ökumenisch sind, auch wenn sie sich evangelisch oder katholisch nennen. Ich hoffe, dass diese Tage helfen, das Licht leuchten zu lassen und durchzuhalten, wenn weltliche oder kirchliche Durststrecken kommen. Denn manchmal wird das Glaubenslicht auch innerhalb der Kirche nicht nur entfacht, sondern auch ganz schön ins Schwanken gebracht. Da hilft die Zusage Jesu, die immer wieder Mut macht: „Siehe, ich bin bei euch bis ans Ende der Welt.“
Guido Erbrich, Magdeburg