01.11.2011

Anstoss 42/2011

Glaube muss erwachsen werden

Acht Tage auf einem alten Dreimast-Segler auf der Ostsee.

Eine bunt gemischte Truppe von knapp dreißig Leuten zwischen 27 und 61 muss sich zusammen finden, um zum vorgesehenen Zeitpunkt das Ziel zu erreichen. Nach und nach wird man vertrauter, erzählt sich von Arbeit und Familie, Sorgen und Träumen. Durch meinen Beruf kommen ab und an auch Kirche und Glauben ins Gespräch.
„Ich bin eigentlich evangelisch, bin konfirmiert, habe früher auch eine Gruppe in der Gemeinde geleitet“, erzählt ein Student, „ich glaube auch irgendwie nach wie vor, aber zugleich passt es für mich nicht mehr, die Welt so naiv zu sehen.“
So wie ihm geht es vielen jungen Menschen in der Zeit des Erwachsenwerdens. Nicht wenige verlieren dabei den Anschluss an ihre Kirche, zumal sie durch Ausbildung und Studium bedingt oft an wechselnden Orten leben.
Im Verlauf des Gespräches wird deutlich, dass er schon versucht hatte, wieder eine Gemeinde zu finden, aber meist auf Menschen getroffen war, deren Glaubensweise ihm eben zu naiv erschienen war. „Wenn ich jemanden gefunden hätte, dessen Predigt zeitgemäß wäre oder Menschen, die mit ihrem Glauben im Leben stehen ...“
Dass auch der Glaube erwachsen werden kann und muss, gleich welcher Konfession oder Religion man angehört, ist vielen Menschen nicht bewusst. Sie bleiben bei ihrem Kinderglauben stehen oder legen den Glauben ganz ab, weil er vermeintlich nicht zum Erwachsensein passt. Letzteres mag aus einer gewissen Unbedachtheit geschehen, nur zu oft aber auch, weil in der Zeit des Zweifelns und Fragens Menschen fehlen, die diese Zweifel ernst nehmen und einen Glauben vorleben, der seine Wurzeln in Gott hat und dabei fest im Heute steht.
So stehen wir immer wieder vor der Herausforderung, unseren eigenen Glauben befragen zu lassen, ob er uns so trägt und prägt, dass junge Leute sich ihrerseits auf die Auseinandersetzung mit ihm einlassen. Es ist eine Lebensaufgabe, persönlich etwas für die Entwicklung unseres Glaubens zu tun. Doch genauso sind Gemeinden gefragt, Anknüpfungspunkte für Fragende und Suchende zu bieten und ausreichend Frei-Raum auch zum Diskurs zuzulassen.
Ob unser Gespräch weitergeholfen hat, werde ich vermutlich nicht erfahren, zumal auch ich in dem Moment mehr Fragen als Antworten hatte. Ich bin aber überzeugt, dass es notwendig ist, dass junge Menschen von beidem erfahren – von unserem Glauben und von unserem Suchen und Ringen um ihn.
Angela Degenhardt, Gemeindereferentin in Sangerhausen