01.03.2018

Anstoss 09/2018

Es gibt Umwege, die sich lohnen

Ein schöner Vorsatz ist, sich und anderen auch einmal Umwege zu gönnen. Und um einen ganz besonderen Umweg geht es in einer der für mich außergewöhnlichsten Geschichten des letzten Jahres.


Sie führt uns nach Australien zu einem Krankenwagen. Genauer gesagt gar nicht zum Krankenwagen, denn der ist in diesem besonderen Moment leer. Die dazugehörige Patientin liegt etwas entfernt auf ihrer Liege am Strand und schaut aufs Meer. „Tränen flossen und die Patientin war sehr glücklich“, schrieb der Rettungsdienst auf Facebook. Und postete ein Foto, das einen Sanitäter neben der Trage vor dem Ozean an der Hervey Bay im Osten Australiens zeigt.
Die Krankenwagenbesatzung war mit einer sterbenden Frau auf dem Weg zur Palliativstation des örtlichen Krankenhauses. Dort im Krankenwagen sagte die Frau, sie wünschte, sie könnte noch einmal an den Strand gehen. Das Rettungsteam hörte diesen Wunsch und machte spontan einen Umweg zum Meer. Dort hoben sie die Frau aus dem Krankenwagen und brachten sie zum Ozean.
Natürlich bekommt die Einsatzleitung des Krankenwagens das in der Zentrale mit und schreibt dazu: „Es war schließlich ihr letzter Wunsch – und der wurde erhört: Manchmal geht es nicht um Medikamente, Ausbildung oder fachliches Können. Manchmal ist es einfach Mitgefühl, das einen Unterschied macht! Unser ganzes Unternehmen ist stolz auf euch!“ Kein Wort von Effizienz, Arbeitsauftrag, Versicherungsschutz von Krankentragen am offenen Meer. Ehrlich, die Reaktion der Leitung ist genauso toll wie die der Krankenwagenbesatzung.  
Die Frau starb wenige Tage später. Es gibt Umwege, die sich lohnen. Manchmal muss es Menschen geben, die merken, was wichtig ist im Leben, was wichtig ist beim Sterben. Und die dann einfach handeln. Auch, wenn es wahrscheinlich gegen ein paar Regeln verstößt.

Guido Erbrich, Biederitz