16.10.2014

Anstoß 42/2014

Geht auf die Straßen und Gassen der Stadt

Jesus gibt heute selbst Anstoß. „Geh schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt …“ (Lk 14,21c). So ein Anstoß trifft unweigerlich auf meinen inneren Schweinehund. Er und ich kennen uns wirklich gut.

Er meldet sich regelmäßig, wenn mich etwas Überwindung kostet, etwa Post nach Wochen aufarbeiten, fremde Menschen treffen, als Erste Versöhnung anbieten. Er möchte sich dann am liebsten verkriechen. Manchmal locke ich ihn mit einem Trick. Vor meinem geistigen Auge nehme ich das antriebsschwache Tier diszipliniert an die Leine und gehe mit ihm „Gassi“. Das gefällt ihm nämlich. Draußen vor der Tür erlebt er tatsächlich so viel mehr Schönes. So kommt die gute Laune zurück. Unbegreiflich, dass mir trotzdem dieser Schritt hinaus oft schwer fällt…!
Im Sommer nahmen 16 junge und sich jung fühlende Menschen den Anstoß Jesu ernst und zogen mit ihren Stimmen und Instrumenten auf die Straßen rund um Stralsund und an andere Ferienorte der Ostsee. Dort, wo Touristen sich gern erholen und mit etwas mehr Zeit als üblich durch Einkaufsstraßen flanieren, sangen die Straßenmusiker und –musikerinnen einen Mix aus geistlichen und weltlichen Liedern. Geigen, Gitarren, eine Klarinette, eine Mundharmonika, Querflöten und Akustikinstrumente wie Cachons verbreiteten dabei eine so gute Stimmung, dass mancherorts sich bis zu 80 Menschen ansammelten, um der halbstündigen Darbietung zu lauschen. Die Truppe versprühte Lebensfreude. Manchmal passierte es sogar, dass Fans gleich mitzogen. Die Anziehungskraft schien teilweise Menschen tiefer zu berühren: Freude spielte sich ins Herz. In einer Wechselwirkung erlebten die Musiker/innen ebenfalls das Geschenk von Freude am Glauben in Gemeinschaft. Ein besonderes Highlight war dabei die Mitgestaltung des Sonntagsgottesdienstes in Heilige Dreifaltigkeit und ein Auftritt in den Stralsunder Werkstätten, einer städtischen Behinderteneinrichtung. Wir sollen nächstes Jahr unbedingt wiederkommen!
„Geht schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt…“, und bringt die Menschen mit Gottes Liebe in Berührung, denn wer singt, betet bekanntlich doppelt. So könnte man da den Anstoß-Satz Jesu vervollständigen. Tatsächlich aber lautet der zweite Teil des Satzanfangs im Original des Lukasevangeliums „und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen herbei.“ Jesus erzählt hier das Gleichnis vom Festmahl. Alle geladenen Gäste haben die Einladung halbherzig ausgeschlagen. Da wird der Gastgeber zornig und vergibt die Festtagsplätze an Menschen auf der Straße. Der Gastgeber weiß, dass sie, die Gassenhauer, die Hungrigen, existenziell Armen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen gern diese Einladung annehmen. Inspiriert vom Gleichnis entsteht ein eigener Song „Invited“: Einladung zum göttlichen Abendessen, zum „dinner divine“ (Invited unter www.christophorus-berlin.de/projekte/uptothestreets). Da wird selbst mein innerer Schweinehund zum Hirtenhund und treibt Hungrige zur Festtafel. Sehen wir uns am Fest?!

Von Lissy Eichert, Berlin