27.11.2014

Anstoß 48/2014

Früher war mehr Lametta

Wer Loriot mag, kennt die Szene. Familie Hoppenstedt bereitet sich auf Weihnachten vor. Vater Hoppenstedt legt letzte Hand an den Weihnachtsbaum und diskutiert mit seiner Frau, wie der Weihnachtsabend ablaufen soll, bis es endlich gemütlich werden darf. Zwischendurch meldet sich ein paar Mal der Großvater und sagt: „Früher war mehr Lametta.“

Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Wenn ich an meinen eigenen Weihnachtsbaum denke, war früher tatsächlich mehr Lametta dran. Seit einiger Zeit verzichte ich fast komplett auf die silber- oder goldfarbenen Metallstreifen. Schließlich habe ich am Heiligen Abend vier Wochen Dauerglitzern, -blinken und -leuchten hinter mir, so dass ich am Heiligen Abend gut darauf verzichten kann.
Als Kind kann ich mich an zwei Lametta-Varianten erinnern. Entweder original Lauscha Alu Lametta, dass in dicken Büscheln am Baum hing, oder Bleilametta aus dem Westpaket, das am Ende der Weihnachtszeit vorsichtig abgeschmückt und sorgfältig eingepackt wurde, um es im nächsten Jahr wieder zu verwenden. Insofern gab es früher eindeutig weniger Lametta als heute. Aber es war etwas Besonders, den Weihnachtsbaum damit zu schmücken.
Wie immer nimmt Loriot die Gesellschaft aufs Korn und das gibt dem nörgelnden Alten in meinen Augen etwas Prophetisches. Mit seinen Zwischenrufen weist der Großvater darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Früher war mehr Advent. Früher war Weihnachten schöner.
Woran mag es liegen, dass wir mehr Lametta haben und dabei weniger Advent und Weihnachten? Ich erinnere mich an die Weihnachtsplätzchen meiner Mutter. Manchmal bin ich heimlich in den Keller gegangen, weil ich unbedingt ein Weihnachtsplätzchen naschen wollte. Die kostbaren Plätzchen gab es schließlich nicht jeden Tag. Sie waren nicht alltäglich und das war das Besondere an ihnen. „Weihnachtskringel braun und rund. Eins zum Kosten in den Mund.“ Eins zum Kosten und das in aller Heimlichkeit im Keller. Das gleiche gilt für den Weihnachtsmarkt. Der war etwas Besonderes, weil er nur ein paar Tage im Advent stattfand. Und es gilt für unsere Weihnachtsgeschenke, die so lange etwas Besonderes waren, bis das Schenken zu einer Materialschlacht ausgeartet ist, bei der jeder jedem eine „Kleinigkeit“ schenken muss.
Weniger war mehr und das will ich wieder haben. Also tausche ich die Adventsdekoration gegen einen schlichten Adventskranz, die Fertigkekse gegen einen Backabend mit Freunden und die Jagd nach Geschenken für alle gegen wenige Heimlichkeiten, mit denen ich am Heiligen Abend ein paar Menschen überraschen werde. Mal sehen, ob sich Advent und Weihnachten auf diese Weise neu entdecken lassen.

Von Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus