13.11.2013

Protestantisch, katholisch, orthodox: Drei Theologen berichten von der Last mit der Arbeit

Freude an der Plackerei

In der Lesung aus dem Thessalonicherbrief heißt es: „wir haben uns gemüht und geplagt, Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen.“ Viele mühen und plagen sich jeden Tag und nicht immer ist die Last auch eine Lust.

Arbeit ist wichtig, freie Zeit auch: Gemeinsam setzen sich Protestanten und Katholiken für den Sonntagsschutz ein. Foto: imago

„Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin. Die haben doch nix anderes als Arbeiten im Sinn ...“, singt Jürgen Becker im Kölner Karneval und hält so ein Vorurteil lebendig: Die Katholiken können feiern, die Protestanten denken nur ans „Schaffen“. Stimmt diese Meinung und woher kommt sie? Wie sehen das die Orthodoxen? Ein Blick nach Deutschland, Süditalien und in die Ukraine.


Für Martin Bräuer (51) steckt in dem Vorurteil durchaus ein Körnchen Wahrheit, auch wenn die Mentalitätsunterschiede zwischen Katholiken und Protestanten in Deutschland mittlerweile fast völlig verschwunden sind. Bräuer ist evangelischer Pfarrer und Mitarbeiter am Konfessionskundlichen Institut der Evangelischen Kirche in Bensheim. Tatsächlich hätten die Reformatoren im 15. Jahrhundert die menschliche Arbeit positiv würdigen können, weil sie die Laien und ihren Weltdienst neu wertschätzten. Selbst das Wort „Beruf“ ist eine Wortschöpfung Martin Luthers und hängt mit „Berufung“ zusammen, so Bräuer.

Arbeit als Quelle großer Befriedigung

Mentalitätsunterschiede sind, wenn es sie denn je gab, historische Vergangenheit, sagt Bräuer: „Die Katholiken sind im besten Sinne des Wortes protestantischer geworden und die Protestanten katholischer.“ Er selber erlebe seine Arbeit als eine Quelle großer Befriedigung. „Ich bin gerne Pfarrer, in der Seelsorge und in der ökumenischen Arbeit. Die Verwaltungsarbeit ist eher Pflicht, aber die Taufe eines Kindes ist nicht Arbeit, sondern eine Freude!“, sagt der Geistliche.


An Kindern zum Taufen mangelt es Don Giovanni Liccardo (61) nicht. Über 200 Babys tauft er jedes Jahr in seiner Pfarrei „San Castrese“ in Marano, einem Vorort von Neapel. 25 000 Gläubige gehören zu seinem Sprengel, in dem viele kinderreiche Familien wohnen. Aus denen werden Hochzeitspaare, was ihm jedes Wochenende zwei Trauungen beschert. Der Geistliche geht voll in seiner Arbeit auf.


Besondere Freude machen ihm Freiwilligenprojekte mit Jugendlichen: „Die jungen Leute in Neapel sind sehr offen für spirituelle Angebote, und wir haben schon viele wunderbare soziale Projekte auf die Beine gestellt. Wie der Papst es vormacht, gehen die Jugendlichen an die existenziellen Peripherien und werden selber missionarisch“, berichtet Don Giovanni. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 54 Prozent sind soziale Projekte auch bitter nötig.
 

Gute Familienstrukturen helfen bei Arbeitslosigkeit


Im Thessalonicherbrief zu hören „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, sei für neapolitanische Jugendliche ein Schlag ins Gesicht, ereifert sich der Priester. Wie viele würden gerne „in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen und ihr selbst verdientes Brot essen“, wie Paulus schreibt. Faul seien die jungen Leute absolut nicht: Trotz bester Ausbildung finden die meisten einfach keinen Job. Gott sei Dank tragen die Familienstrukturen noch. Ins Altersheim abgeschobene Großeltern sollen von ihren Familien wieder nach Hause geholt worden sein, um gemeinsam von der Rente zu leben, erzählt man sich hier. „So hat die Krise wenigstens eine gute Seite“, sagt der Geistliche.


Ähnlich angespannt ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt in der Ukraine, berichtet Taras Dzubanskyy (31). Viele junge Leute seien sehr gut ausgebildet und doch finden sie oft keine Arbeit.
Taras Dzubanskyy ist griechisch-katholischer Priesteramtskandidat und hat vor kurzem in Lemberg seine Frau Ulyana geheiratet; jetzt wartet er, bis er von seinem Bischof zur Priesterweihe zugelassen wird – das geschieht in der Regel erst nach ein paar Jahren Ehe. Und so muss er sich durchschlagen als freischaffender Referent für Religionsfragen bei der Stadtverwaltung und durch Mitarbeit in der pfarrlichen Katechese. Er hat auch das Zentrum für den interreligiösen Dialog „Libertas“ in Lemberg gegründet, mit dem er auf die religiöse Differenzierung in der ukrainischen Gesellschaft reagieren will.


Zwischen Sozialismus und Ehrgeiz für die Zukunft


Eine eigene „ostkirchliche“ Sichtweise von Arbeit kann der Theologe nicht erkennen, auch wenn natürlich die ostkirchliche Spiritualität stärker vom Geist der Liturgie durchwirkt ist. Eher noch sind die Menschen in der Ukraine von der kommunistischen Zeit geprägt, findet Dzubanskyy. Manche Ältere trauerten immer noch dem Staatssozialismus nach. Es war für alles Grundlegende gesorgt, und übermäßiger Ehrgeiz in der Arbeit lohnte sich nicht. Das sei heute anders: „Jetzt kämpft jeder für sich. Und trotzdem ist die Jugend optimistischer als ihre kommunistisch geprägte Elterngeneration. Das hängt auch mit der Reisefreiheit zusammen und dem weiteren Horizont, den viele durch ihre Kontakte ins Ausland gewonnen haben.“


Ob ihm seine derzeitige Tätigkeit Freude mache? Auf jeden Fall, sagt er. In seiner Arbeit empfinde er vor allem die Begegnung mit vielen Menschen als bereichernd. Wenn aber erst einmal die ersten Kinder da sind und er endlich zum Priester geweiht sein wird, dann wird seine „Berufung“ wirklich zum „Beruf“ geworden sein, wie er es sich immer gewünscht hat.

Max Cappabianca