20.08.2015

Anstoß 34/2015

"Flügge werden" als Lebenshaltung

Nach den Gesetzen der Physik können Hummeln nicht fliegen. Zu großer Körper und zu kleine Flügel. Doch die Hummel weiß das nicht und fliegt los.

Lissy Eichert„Flügge werden“, einfach mal losfliegen und feststellen, es klappt. Vielleicht dachte sich das auch die heute 24 Jahre junge Altenpflegerin, als sie mit 20 Jahren beschloss, das Abitur nachzumachen. Seit sie als junge Erwachsene katholisch wurde, ist sie in der Gemeinde engagiert. Irgendwann kam der Wunsch, Theologie zu studieren. Familie und Freunde befürchteten jedoch, sie werde aufgrund des Asperger Syndroms den Anforderungen nicht gewachsen sein. Die junge Frau kannte längst nicht alle Bedenken „und fliegt los...!“ Im Juni hat sie ihr Abitur erfolgreich und mit einem guten Durchschnitt bestanden, übrigens inklusive des großen Latinums. Respekt! Mit ihrem klaren Ziel des Studiums vor Augen und dem Mut, auch über bisherige Grenzen hinaus zu gehen, wurden auf dem Lebensweg überraschende Stärken und Potenzial sichtbar.
„Flügge werden“ als Lebenshaltung. Als Ebenbilder Gottes besitzen wir  göttliches Leben in uns; mit Heiligem Geist göttliche Flugkraft; mit Jesus die Flugroute. Am Ende des Markusevangeliums tadelt daher der Auferstandene die Verstocktheit der Jüngerinnen und Jünger. Sie glauben nicht daran, dass er wirklich lebt. Jesus Christus aber versichert: „Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; ... und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.“ (Mk 16,17-18). Was für ein Anspruch, was für ein Zutrauen! In der Kraft und im Namen Jesu Christi, nicht aus eigener Kraft, wird gehandelt.  Haben wir genug Phantasie und Sprache, nicht krankmachende Gottesbilder, sondern den lebendigen, liebenden Gott aktuell angemessen, verständlich und alltagstauglich zu verkünden? „Sie aber zogen aus und predigten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung durch die Zeichen, die er geschehen ließ.“ (Mk 16,20)  Beherztes  Losziehen freut Gott offensichtlich und findet Bestätigung.
Wenn Zeichen und Wunder zum Normalzustand eines Leben im Glauben werden, kann kein Gottesdienst, kein Gebet, keine Begegnung mit Menschen langweilig sein. Es könnte ja „life changing“ passieren, etwas überraschend Gutes, das mein Leben positiv verändert...! In diesen Tagen experimentieren zwei Gemeindemitglieder den Sendungsauftrag bei Lukas 10 zu Fuß in Berlin und Brandenburg: „Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte.“  (Lk 10,1) Sie verstehen sich bewusst nicht als Pilger, sondern als moderne Apostel, die mit Menschen über Gott und die Welt ins Gespräch kommen. In der Tat wollen sie Heilungs- und Segensgebete anbieten und schauen, ob Menschen diesen Dienst annehmen. Es ist ein Versuch. Zwei sind gestartet in aller Freiheit der Kinder Gottes, die flügge werden. Ob siebzig andere folgen? Der träge anmutende Hummelflug täuscht übrigens. Entgegen der äußeren Erscheinung können Hummeln ausgesprochen gut fliegen. Sie sind emsige Bestäuber mit großer ökologischer Bedeutung für die Landwirtschaft und die Artenvielfalt.

Von Lissy Eichert UAC, Pastoralreferentin Berlin