02.05.2014

Anstoß 18/2014

Entspannung und Ruhe geben Kraft

Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Menschen sind.

Da gibt es die einen, die immer freundlich sind, die sich für andere, besonders Benachteiligte einsetzen, die nach vorne denken und manchmal die anderen mit ihrer positiven Einstellung geradezu anstecken können.
Dann gibt es Menschen, die zeigen genau entgegengesetzte Eigenschaften: sie sind nicht belastbar, sind beim kleinsten Widerstand gekränkt und verstimmt, immer mit den eigenen Plänen beschäftigt, die dann aber auch nicht verwirklicht werden. Und am Schluss machen sie den anderen noch den Vorwurf, sie hätten sie negativ beeinflusst und letztlich seien an ihrem Versagen die anderen schuld.  
Kürzlich hatte ich länger zu tun mit einer Frau der ersten Gruppe – das war angenehm und zeitweise sogar sehr lustig – ich persönlich habe für Humor viel übrig und bin froh, wenn mal zwischendurch gelacht wird.  
Dann ging es um die Mitarbeit in einem größeren Projekt in einer Arbeitsgruppe und wir alle waren ziemlich erstaunt, dass die Frau uns absagte. Ihre Begründung: Sie sei an den Grenzen ihrer Belastbarkeit angekommen und könne sich keine weiteren zeitraubenden Arbeiten aufhalsen.
Wir versuchten sie zu überreden – ohne den geringsten Erfolg. Auch unsere besten Argumente: „wir brauchen dich!“, „ohne dich geht es nicht!“, „du allein kannst uns da helfen!“ wurden mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen und brachten nichts.
Ich war über die Absage zunächst enttäuscht und auch verwundert. Als ich mich nach den Gründen erkundigte, erfuhr ich folgendes: Die Frau hatte einige Jahre lang ihre alte und zunehmend hilfsbedürftige und schließlich totkranke Mutter gepflegt. In dieser Zeit hatte sie gelernt, sehr genau auf die Warnzeichen von Überforderung zu achten: Immer wenn sie längere Zeit zu der zunehmend dementen Mutter unfreundlich und grob war, stimmte etwas nicht. Dann war es Zeit, eine Pause von mehreren Stunden oder sogar einige Urlaubstage einzulegen. Das sagte sie ohne jeden Vorwurf an sich selbst – sie hatte erkannt, dass sie ihr Bedürfnis nach Entspannung und Ruhe ernst nehmen musste.
„Auch Gott hat am siebten Tag ausgeruht, nachdem er die Schöpfung vollendet hatte – und ich mache es wie Gott: ich setze mich in den Garten, weil mir das so gut tut!“ - diese Argumentation leuchtete mir ein. Nach dieser selbst verordneten freien Zeit war die Frau wieder die alte: zupackend, freundlich und hilfsbereit. Sie selbst kommentierte diese Erfahrung: Entspannung und Ruhe geben Kraft!
Schwester Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig