22.03.2017

Anstoss 12/2017

Entscheide selbst!

Wir streiten uns. Auftrittsverbote, Nazivergleiche, immer neue Debatten um Kopftuch, Moscheen und Flüchtlingsabkommen. Die türkisch-deutschen Beziehungen sind derzeit extrem angespannt.


Da gibt es einen überraschenden Vorstoß aus Mohnheim, der bundesweit Aufsehen erregt. Daniel Zimmermann ist Bürgermeister der Stadt am Rhein. Unter den 43 000 Einwohnern leben 10 bis 15 Prozent Muslime. Den muslimischen Mitbürger/innen soll der Bau von zwei Moscheen ermöglicht werden. Im Juni 2016 gibt Zimmermann das bekannt. Die Stadt will den beiden islamischen Gemeinden eine Unterstützung von 850 000 Euro geben. Die Bauplätze sind damit kostenlos. Raus aus den Hinterhöfen, integrieren statt ausgrenzen, so die Idee. Am Ende einer Bürgerversammlung befürworten das 80 Prozent der 1000 Anwesenden. Die Überlassung steht unter Auflagen, etwa dem Bekenntnis zu Toleranz und dem Grundgesetz. Die Bauplanung muss eng mit der Stadt abgestimmt sein. Zimmermann erhofft Vorteile für die Stadt. Zusammen mit sieben christlichen Kirchen prägen zwei Moscheen in Zukunft das Stadtbild.
Ein Mann mit Vision. Eine Stadt, die nach vorne denkt. Mich beeindruckt wie sympathisch unaufgeregt der Bürgermeister die Auseinandersetzung führt. Er argumentiert in der Sache. Er begegnet Emotion mit inhaltlicher Position. So verstehe ich lebendige, intakte Demokratie: Pro und Contra abwägen. Meinungen, die auseinandergehen respektvoll aushalten. Neuen Meinungen Raum  geben. Eine differenzierte Haltung zeigt Rückgrat und läuft nicht mit der Masse mit. Gerade in Deutschland sehe ich Meinungsbildung als unverzichtbare Prävention und Lehre der Vergangenheit. Nun, warum sollte es den in Deutschland wahlberechtigten Mitbürger/innen nicht möglich sein, hier die Ansichten der türkischen Regierungspartei genauso zu hören wie die Gegenargumente der Oppositionsparteien? Für beides können wir jedenfalls Diskussionsraum ermöglichen.
„Geht und berichtet, was ihr hört und seht...!“ (vgl. Matthäus 11,2-4) Jesus beantwortet die Frage, ob er denn nun der Messias ist oder nicht mit der Aufforderung, selbst zu hören und zu sehen. Entscheide selbst, ob das „fake“ oder doch Fakt ist: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören ... „und die Armen bringen die Freudenbotschaft“ (Mt 11,5). Verrückt oder meinungsstark, darüber entscheidet die eigene Erfahrung im eigenen Leben. Jesus verheißt dazu realistisch: „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ (Mt 11,6).

Lissy Eichert, Berlin