08.12.2016

Podiumsdiskussion über den Platz der Christen in der Gesellschaft Sachsen-Anhalts

Einsatz der Kirche mehr erklären

Magdeburg. Die öffentliche Rolle der Kirchen im Bundesland Sachsen-Anhalt mit seiner überwiegend konfessionslosen Bevölkerung war Thema des Magdeburger Ökumenischen Neujahrsgesprächs.

Ministerin Grimm-Benne, Bischof Gerhard Feige, Kirchentags-Präsidentin Aus der Au, Landesbischöfin Ilse Junkermann, Akademiedirek-tor Reinhard Grütz, SPD-Landtagsabgeordnete Katrin Budde, Akademie-direktor Friedrich Kramer. Foto: E. Pohl


Gegen eine pauschale Ausgrenzung kirchlich engagierter AfD-Mitglieder hat sich die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann gewandt. Diese müssten sich jedoch fragen lassen, warum sie eine Partei unterstützen, „die aus den Ängsten der Menschen Kapital schlägt“, sagte Junkermann am 30. November beim Ökumenischen Neujahrsgespräch zu Beginn des neuen Kirchenjahres in der Magdeburger Staatskanzlei.
Sie erlebe die AfD in dieser Hinsicht als „sehr changierend“ (schillernd, wechselhaft – d. Red.), betonte die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Die Partei teste „immer wieder die Grenzen des Anstands“ aus. Das sei „keine sehr gute Basis“, wenn die Kirche mit AfD-Mitgliedern ins Gespräch kommen wolle.

Schwindende Bereitschaft zur Solidarität
Bischof Gerhard Feige beklagte bei dem Podiumsgespräch eine schwindende Bereitschaft zu Barmherzigkeit und Solidarität in der Gesellschaft. Er sehe den Verlust gemeinsamer Werte mit großer Sorge und befürchte, dass die Gesellschaft in dieser Hinsicht „noch weiter auseinanderdriftet“. Junkermann und Feige riefen dazu auf,den Menschen seitens der Gemeinden und anderen kirchlichen Einrichtungen mehr Gelegenheiten anzubieten, ihre Ängste zum Ausdruck bringen zu können.
Beide Bischöfe berichteten von einem „sachlich-konstruktiven Verhältnis“ zwischen Staat und Kirche in Sachsen-Anhalt. Die Beziehungen seien aber nicht privilegiert, sondern Kirche und Staat seien wie „fremde Freunde“.
Die stellvertretende Ministerpräsidentin Sachsen-Anhalts, Petra Grimm-Benne (SPD), hatte zu Beginn des Neujahrsgesprächs ein Grußwort des Ministerpräsidenten verlesen. Darin warf Reiner Haseloff angesichts von nur 15,5 Prozent evangelischen und 4,1 Prozent katholischen Christen in der Bevölkerung die Fragen auf: Wer steht bereit, wenn die Kirchen das, was sie leisten, nicht mehr tun sollen oder nicht mehr tun können? Und: Dürfen sich Bürger nur proporzgemäß engagieren? Doch wohl kaum.
Grimm-Benne, die Ministerin für Arbeit, Soziales und Integra-tion ist, würdigte die Beraterfunktion der Kirchen und ihren Beitrag zur Integration von Flüchtlingen. Zugleich empfahl sie den Kirchen, ihr Engagement in Politik und Gesellschaft angesichts geringer Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung stärker zu begründen als bisher. Grimm-Benne, die auch Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands ist, verwies darauf, dass die nachrückenden Politiker in Ostdeutschland nicht mehr so stark kirchlich geprägt seien wie ihre Vorgänger aus der Zeit der Friedlichen Revolution.
Bischof Feige betonte, dass das Gemeinwohl und der Mensch im Zentrum des Verhältnisses von Staat und Kirche zu stehen haben. „Der Staat muss die Kräfte aller Bürger auf das Gemeinwohl lenken“ und es stützen und grantieren. So habe es die katholische Soziallehre herausgearbeitet. Dabei habe der Staat das vom Grundgesetz anerkannte Subsidiaritätsprinzip zu beachten.

Zur Kirche gehört es, Akteur in der Gesellschaft zu sein
Feige warnte davor, die Kirche ins Private zu drängen, wie dies schon zu kommunistischer Zeit der Fall war. „Warum sollen die Kirchen wie andere auch die Gesellschaft nicht mitgestalten?“ fragte der Bischof angesichts der Kritik nicht zuletzt von atheistischen Verbänden am Verhältnis von Staat und Kirche. Nach wie vor gehörten zwei Drittel der Deutschen einer Kirche an. Kirche sei kein „reaktionärer Interessensverband“.
Landesbischöfin Junkermann erinnerte an die integrierende Arbeit der Kirchen in vielen Bereichen. Sie wies Forderungen nach der Abschaffung der Staatsleistungen an die Kirchen mit Verweis auf die im Grundgesetz vorgesehene Ablösung zurück und erinnerte daran, dass diese Leistungen „Entschädigung für die Enteignungen durch den Reichsdeputationshauptschluss“ sind. Viele Menschen könnten in Mitteldeutschland „mit Gott und Glauben nichts anfangen“, so die Landesbischöfin weiter. Deshalb sei Bescheidenheit im Auftreten notwendig. Die Kirchen seien aber ein unverzichtbarer Akteur der Zivilgesellschaft.
Die Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2017, Christina Aus der Au, wandte sich gegen die Forderung, AfD-Politiker etwa bei Großveranstaltungen gezielt „bloßzustellen“. Auch auf Katholiken- und Evangelischen Kirchentagen müssten sie die Chance erhalten, an einer konstruktiven Debatte teilzunehmen. Zugleich räumte Aus der Au ein, bestimmte politische Streitfragen seien auf Podien vor tausenden Zuhörern nicht konstruktiv zu debattieren.

Von Eckhard Pohl