10.09.2011

Anstoss 32/2011

Eine Zeit für den Regen

Regen, Regen und kein Ende!

Mit diesem Aufstöhnen war ich in den letzten Julitagen in guter Gesellschaft. Kaum ein Tag an dem nicht wenigstens feiner Nieselregen in jede Jackenfalte drang, noch seltener eine Nacht, in der nicht Regentropfen auf das Zeltdach trommelten. Dabei sehnten sich doch alle nach Sonne: draußen sein, die Natur genießen, schwimmen gehen, am See liegen.
Der Dauerregen bremste manches aus – und ließ dennoch gute Urlaubserfahrungen zu: Zunächst war ich beschäftigt, mein noch aus DDR-Zeiten stammendes Zelt gegen unerwünschte Wassereinbrüche zu sichern. Eine zusätzliche Plane schützte nun von oben, ein System von kleinen Gräben und Sickerlöchern von unten. Neben dem wachsenden Spaß an den „Sandkastenspielen“ wurde mir dankbar bewusst, wie selbstverständlich ich das schützende Dach eines festgebauten Hauses sonst hinnehme. Ein Anlass dankbar zu werden.
Ich hätte manches mehr unternehmen wollen in der weiten Wald- und Seenlandschaft Mecklenburgs: Nun beschränkte sich mein Aktionsradius auf die nähere Umgebung, wenn ich nicht alle meine Sachen ohne Chance auf ein Trocknen völlig durchnässen oder mit dem Auto aufbrechen wollte.
Doch beim näheren Hinsehen zeigte sich dafür der Tisch der Natur reich gedeckt: Pilze und Blaubeeren fanden sich – dank des für sie günstigen Wetters der letzten Wochen – nahezu von selbst. Dankbar wurde mir bewusst, wie wenig (bzw. wie anders) ich mich im Vergleich zu den Menschen vergangener Zeiten, um meine Nahrung mühen muss. Kein unermüdliches Sammeln und Jagen, keine mühsame tägliche Plage in Feld und Garten. Wenn ich etwas davon heute tue, kann ich es aus Freude, als Hobby tun – welch ein Luxus. Und dabei fallen mir noch viele kleine Dinge ins Auge, die ich sonst übersehen würde. Sie glitzern und glänzen im Regen.
Dank Regen konnte ich zudem ohne schlechtes Gewissen ausschlafen: Solange das Wasser mit aller Macht aufs Zelt platschte, konnte ich mich beruhigt wieder umdrehen. Es gab noch nichts zu verpassen und ebenso wenig brauchte ich beim ausgiebigen Lesen anderen ungenutzten Möglichkeiten nachzutrauern.
Ab und an dachte ich an den Weisheitstext aus dem Buch Kohelet: Alles hat seine Zeit. Vielleicht sollte ich ihn ergänzen: Regen hat seine Zeit und Sonnenschein hat seine Zeit – und Gelassenheit bekommt ihre Zeit, manchmal auf unerwartete Weise. Aber sie ein wenig mehr zu finden, ist etwas, was ich mir vom Urlaub erhoffe. Ich wünsche auch Ihnen, dass Sie in Ihrer Urlaubszeit Gelassenheit finden und mit zurück in den Alltag nehmen können.
Angela Degenhardt, Gemeindereferentin, Sangerhausen