30.06.2012

Biografie über die Bischofsjahre von Gerhard Schaffran erschienen

Einblicke in ein Bischofsleben

Am 4. Juli vor 100 Jahren wurde Gerhard Schaffran geboren. Rechtzeitig zu diesem Gedenktag ist der zweite Teil seiner Biografie erschienen.

Bischof Gerhard Schaffran am Tag seiner Amtseinführung als Bischof von Meißen. Foto: Archiv

Dresden. „Bei allem, was unzulänglich bleibt und von manchem Leser auch anders gesehen wird, will ich versuchen, hinter den vorhandenen Akten und Aufzeichnungen den Menschen zu schildern, so wie ich ihn in beinahe 30 Jahren kennengelernt habe“, schreibt Marianne Seewald am Beginn ihres Buches „Soli Deo“, das dieser Tage im Leipziger St. Benno-Verlag erschienen ist. Genau das ist die große Stärke des knapp 450 Seiten starken Bandes, das sich dem zweiten Teil der Biografie des langjährigen Dresdner Bischofs Gerhard Schaffran widmet – den Jahren zwischen seiner Ernennung zum Görlitzer Weihbischof 1962 und seinem Tod 1996 in Dresden.
Marianne Seewald lässt mithilfe von Aufzeichnungen Schaffrans und enger Weggefährten sowie ihren eigenen Erinnerungen einen Menschen lebendig werden, der zu Lebzeiten so manchem auf den ersten Blick als der unnahbare Diplomat erschien, wie sich sein Sekretär Bernhard Gaar, heute Pfarrer in Dresden, erinnert. Wer ihm aber nahe kam – und das waren viele, die mit ihrem Problem zu ihm kamen – konnte einen „Menschen mit Herz“ erleben.
Der erste Biografie-Teil unter dem Titel „Solo Dios basta. Gerhard Schaffran. Wegbegleiter in schweren Zeiten“ war bereits 1995 – noch zu Lebzeiten von Gerhard Schaffran – veröffentlicht worden. Der jetzige zweite Teil beginnt mit einigen Auszügen und widmet sich dann dem Erzbischöflichen Amt Görlitz, an dessen Spitze 1962 Kapitelsvikar Ferdinand Piontek stand, dessen Weihbischof Schaffran wurde. Marianne Seewald verschweigt nicht, dass Schaffran nicht Pionteks Wunschkandidat war, sondern der spätere Schweriner Bischof Heinrich Thei-ssing. Dass diese Biografie solche Themen nicht unter den Teppich kehrt, ist ihre starke Seite. Das zeigt sich vor allem dort, wo es um die Konflikte geht, mit denen Schaffran dann später  in Dresden konfrontiert war.
Zeitlich mit dem Beginn seines Bischofsdienstes fiel das Zweite Vatikanische Konzil zusammen. Schaffran hat es in Rom miterlebt. Marianne Seewald schildert nicht nur den Sitzungsalltag, sondern auch die Erlebnisse am Rande. Ausführlich geht sie auf den Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen von 1965 ein, dem es um die Versöhnung beider Völker nach dem Zweiten Weltkrieg ging.
Nach dem plötzlichen Tod des Meißner Bischofs Otto Spülbeck trat Gerhard Schaffran 1970 dessen Erbe an. Keine einfache Aufgabe. „Schlesischer Sturkopf, Militarist, ,bengsch-hörig‘“ – das waren die Vorurteile, denen Schaffran begegnete. Besonders schwierig an Spülbecks Erbe war für ihn die Meißner Diözesansynode, die er vorzeitig beendete und in die Pastoralsynode der Jurisdiktionsbezirke in der DDR überführte. Die Biografie schildert die Gründe, die ihn zu diesem Schritt bewegten, der ihm bis heute Kritik einbringt.
Natürlich hatte ein Dresdner Bischof auch viele schöne Erlebnisse. Allem voran, war das für Schaffran der Kontakt zu den Kapellknaben, mit denen er beispielsweise oft den Heiligen Abend feierte. Sein größter Verdienst war die Verlegung des Bischofssitzes von Bautzen nach Dresden 1980. Ausführlich schildert Marianne Seewald die schwierigen Verhandlungen, dann aber auch die Freude über den Erfolg. Schaffrans Nachfolger, Joachim Reinelt sagt heute: „Bischof Schaffran schuf mit diesem Schritt in der Zeit eines atheistischen Regimes die Grundlage für eine unübersehbare katholische Kirche inmitten einer komplizierten und weiträumigen Diaspora.“ Dass quasi als Abschluss seiner aktiven Bischofszeit 1987 dann das DDR-weite Katholikentreffen in Dresden stattfand, liegt ganz auf dieser Linie.
Immer wieder durchsetzt Marianne Seewald die Schilderung der großen kirchlichen Ereignisse mit Erinnerungen an die kleinen privaten Momente im Leben von Gerhard Schaffran. So berichtet sie von einem lauen Sommerabend auf der Terrasse seines Görlitzer Hauses mit dem späteren Bischof Bernhard Huhn kurz vor der Ernennung zum Meißner Bischof oder von der Feier im Kreis engster Mitarbeiter nach der Verlegung des Bischofssitzes nach Dresden, bei der Gerhard Schaffran etwas von seinem Verhältnis zu den Heiligen preisgab. Diese Offenheit behält die Autorin auch in dem Kapitel, das – wie sie selbst sagt – zu schreiben ihr am schwersten gefallen ist: Unter der Überschrift „Leben ohne Vergangenheit“ schildert sie am Ende der Biografie die von der Alzheimerkrankheit geprägten letzten Lebensjahre von Gerhard Schaffran.
Matthias Holluba
Hinweis: Marianne Seewald: Soli Deo. Gerhard Schaffran. Bischofsjahre 1962-1996; St. Benno Leipzig 2012, ISBN 978-3-7462-3489-2, 19,95 Euro


Biografisches

 

Gerhard Schaffran wurde am 4. Juli 1912 in Leschnitz (Lesnica) in Oberschlesien geboren. Die Priesterweihe empfing er am 1. August 1937 in Breslau. Nach Diensten im Priesterseminar und in einer Breslauer Pfarrei wurde er Wehrmachtspfarrer und ging nach Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft. 1950 wurde er Kaplan in Cottbus. 1952 wurde er Rektor am Katechetenseminar Görlitz und 1959 Dozent am Priesterseminar Neuzelle. 1962 erfolgte die Ernennung zum Weihbischof in Görlitz, wo er 1963 (bis 1972) dann das Amt des Kapitelsvikars des Erzbischöflichen Amtes Görlitz übernahm. Bereits 1970 übertrug ihm der Papst die Leitung des Bistums  Meißen, die er bis zur Emeritierung 1987 wahrnahm. Von 1980 bis 1982 war er Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz. Bischof Schaffran starb am 4. März 1996 in Dresden. tdh

 


Interview: Marianne Seewald über ihre Biografie von Bischof Gerhard Schaffran

Unter dem Titel „Soli Deo“ ist der zweite Teil der Biografie des Dresdner Bischofs Gerhard Schaffran erschienen. Das im St. Benno-Verlag Leipzig veröffentlichte Buch behandelt seine Bischofsjahre zwischen 1962 und 1996. Der Tag des Herrn sprach mit der Autorin Marianne Seewald, die mit Bischof Schaffran viele Jahre zusammengearbeitet hat.

Worin besteht das bleibende Verdienst von Bischof Gerhard Schaffran für die Kirche in unserer Region?

Eigentlich habe ich immer gedacht, dass bleibende Verdienste sichtbar sein müssten, zum Beispiel in Kirchenbauten. Aber die Propsteikirche in Leipzig zeigt wohl deutlich, wie vergänglich Bauten sein können. Ich glaube, sein Verdienst ist die Verlegung des Bischofssitzes von Bautzen nach Dresden. Schon seine Vorgänger hatten dies geplant und verhandelt – ohne Erfolg. Ihm ist dies nach jahrelangen, zähen Verhandlungen gelungen. Für das Bistum Dresden-Meißen wahrlich ein kirchengeschichtlich bedeutsames Ereignis.

Die Auseinandersetzung mit welchem Thema aus seinen Bishofsjahren ist Ihnen besonders leicht und besonders schwer gefallen?

Besonders leicht gefallen ist mir alles, wo Bischof Gerhard in seiner zutiefst menschlichen Art beschrieben wird, zum Beispiel seine Liebe zu den Kapellknaben, wie Mitarbeiter „ihren Chef“ erlebten oder sein Zoobesuch mit dem vierjährigen Karli. Sehr schwergefallen ist mir, über seine letzten Lebensjahre zu schreiben, über seine Krankheit, sein „Leben ohne Vergangenheit“. Das in Worte zu fassen, schien mir zunächst beinahe unmöglich.

Welche persönliche Erinnerung an ihn ist Ihnen besonders wichtig?

Mit solchen Erinnerungen könnte ich wiederum ein ganzes Buch füllen. Aber nur eine, die weit zurück liegt: Ich war Referentin in der Görlitzer Jugendseel-sorge - Gerhard Schaffran war vor kurzem zum Weihbischof ernannt. Ich kannte ihn von seinen gelegentlichen Besuchen in unserem Büro, aber es war ein Kennen aus einer gewissen Distanz. Dann 1963, hatte ich einen Verkehrsunfall mit Totalschaden des Autos. Ich kam glimpflich davon, nur eine Gehirnerschütterung. Voller Selbstvorwürfe lag ich im Krankenhaus. Da kam Weihbischof Schaffran mit einem großen Blumenstrauß, den er grade anlässlich einer Firmung erhalten hatte und sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe im Krieg so viel kaputt gesehen – was ist ein Auto! Hauptsache Ihnen ist nicht viel passiert.“ Können Sie sich vorstellen, dass dieses Ereignis mit ausschlaggebend war für meinen späteren Dienst als Sekretärin?
Fragen: Matthias Holluba