31.03.2013

In der romanischen Stiftskirche in Gernrode wird das Ostergeschehen lebendig nacherzählt

Ein Spiel am Grab Jesu

Jedes Jahr am Ostermorgen führen Christen in der Stiftskirche von Gernrode mit ihrem 900 Jahre alten heiligen Grab ein sehr altes Osterspiel auf.  An diesen Kar- und Ostertagen wird die Grabanlage nach umfangreicher Restaurierung wieder geweiht.

 

Frauen und Männer in liturgischen Gewändern verkünden am Ostermorgen in der Stiftskirche Gernrode mit ihrem Spiel und Gesang die Botschaft von Jesu Auferstehung. Fotos: Corinna Grimm (2), Jürgen Meusel (1)

 

Gernrode. In der Gernröder Stiftskirche St. Cyriakus ist es noch dunkel. Kein elektrisches Licht erhellt den Kirchenraum an diesem Ostermorgen. Einer neben dem anderen sitzen Menschen dicht gedrängt in den Kirchenbänken des evangelischen Gotteshauses. Allein im Inneren des heiligen Grabes, das sich im südlichen Seitenschiff der romanischen Kirche befindet, brennt eine Kerze. Kurz vor 6 Uhr ziehen 20 Frauen und Männer in langen cremefarbenen Gewändern durch den Mittelgang der Basilika nach vorn in die Vierung vor die Stufen des Ostchores. „Libera nos Domine“ (Befreie, erlöse uns, oh Herr) singen sie in einer Taize-ähnlichen Melodie in die Stille hinein. Als ihr Gesang verklungen ist, trägt Pfarrer Andreas Müller das vierte Lied vom Gottesknecht aus dem Propheten Jesaja vor, in dem es heißt. „Er (der Gottesknecht) hat unsere Krankheit getragen, und unsre Schmerzen auf sich geladen ... er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zerschlagen. ... Doch der Herr fand Gefallen an seinem Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab ...“

Angesichts dieser Botschaft darf die Orgel nicht mehr schweigen. Kraftvoll lässt Kantor und Organist Eckhart Rittweger das Instrument erklingen. Daraufhin ziehen die Frauen und Männer in den Gewändern mit dem Pfarrer zum Heiligen Grab. Pfarrer Müller geht hinein und kommt mit der brennenden Osterkerze heraus. „Der Herr ist auferstanden“, ruft er seinen Begleitern und der ganzen Gemeinde zu. Alle antworten mit dem Lied „Christ ist erstanden …“ Die Spieler ziehen wieder auf die Stufen des Ostchores und stellen sich dort mit Kerzen in den Händen auf. „Adoramus te Domine“ (Wir beten dich an, Herr) singen sie. Der Pfarrer gibt das Osterlicht an seine Begleiter weiter, die es Stufe um Stufe weiterreichen. Nachdem alle Kerzen entzündet sind, geht es in einer Prozession durch den Mittelgang nach hinten und über die beiden Seitengänge wieder zum Ostchor zurück, wo sich alle im zur Gemeinde hin offenen Halbkreis aufstellen. Nun beginnt das eigentliche liturgische Osterspiel.

Die Praxis dieses Gernröder Osterspiels reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Sie ist in einem Prozessionale von 1502 überliefert, das 1972 wieder entdeckt wurde: Danach legten am Karfreitag zwei Kanoniker ein Kreuz, welches Christus versinnbildlicht, in das Troggrab im Inneren des Heiligen Grabes. Am Ostermontag wurde es von den Stiftsherren emporgehoben und auf einen Seitenaltar gestellt. Die Hausherrinnen der Gernröder Stiftskirche St. Cyriakus - es waren bis zu 24 adlige Stiftsdamen aus den höchsten Kreisen des Reiches - durften diese Prozession begleiten, aber nicht das Heilige Grab betreten.

Osterspiel setzt alte liturgische Tradition fort

Die Doppelkammeranlage gilt als die älteste und genaueste Nachbildung des Jerusalemer Heiligen Grabes nördlich der Alpen. „Die Stiftsdamen wünschten sich so ein Heiliges Grab, um aus der Nähe die Auferstehung erleben zu können“, sagt Kirchenführerin Cornelia Weiß. Ende des 11. oder Anfang des 12. Jahrhunderts wurde die Grabanlage in die bereits gut hundert Jahre alte Stiftskirche eingebaut. Zu dieser Zeit spielten die Passionsereignisse in Jerusalem eine große Rolle. Es war die Zeit vor und zu Beginn der Kreuzzüge. Viele Menschen pilgerten ins Heilige Land. Etliche der Reisenden brachten Maße und Abbildungen des Heiligen Grabes mit nach Hause. In der Folge entstanden Nachbildungen. Das Passionsgeschehen in Jerusalem wurde unter Beteiligung der Gläubigen mit Prozessionen und szenischen Darstellungen liturgisch und dramaturgisch vergegenwärtigt.

 

Das Heilige Grab in der Gernröder Stiftskirche entstand vor 900 Jahren. Am Karfreitag 2013 wurde es in der Liturgie nach Restaurierungsarbeiten neu geweiht.

 

In Gernrode geschieht dies seit 1989 wieder an jedem Ostersonntagmorgen. Zu Beginn des eigentlichen liturgischen Osterspieles gehen zwei Männer als die beiden biblischen Engel zum Heiligen Grab. Während die Gemeinde im Wechselgesang „Erstanden ist der heilge Christ …“ singt, gehen drei Frauen zum Grab, um, wie es in der heiligen Schrift heißt, den Leichnam Jesu zu salben. Und erfahren von den Engeln: Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Nun folgt der Jüngerlauf: Vom Taufstein vor dem Westchor der Kirche eilen Petrus und der jüngere Jünger zum heiligen Grab. Während sie unterwegs sind, wird der entsprechende Abschnitt des Evangeliums gelesen, in dem sich beide Jünger über das Geschehen wundern. „Da pacem Domine“ (Herr, schenke uns den Frieden) singt nun der Chor. Schließlich begegnet im liturgischen Spiel Maria Magdalena den Engeln und dann Christus, erkennt aber zunächst nicht, dass es der Herr ist, wie es im Evangelium heißt. „Surrexit Christus“ (Christus ist auferstanden) lässt der Chor zur Erklärung erklingen.

Alle diese Szenen waren am heiligen Grab dargestellt. Besonders gut erhalten ist bis heute die äußere Westseite der Grabanlage. Im Zentrum steht zwischen zwei Säulen in einem Türrahmen eine Frau. „Maria Magdalena ist trauernd und zugleich auch erschrocken vom Geschehen am leeren Grab“, sagt Frau Weiß. „Und sie hebt die rechte Hand. Vielleicht sagt sie: Geht und verkündet die Botschaft von der Auferstehung den Brüdern.“

Spiel und Figuren erinnern an das Ostergeschehen

Die Begegnung Maria Magdalenas mit dem Auferstandenen ist an der Außenseite der Nordwand zu sehen. Christus scheint ihr – unterstrichen durch Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand – zu sagen: Frau, rühr mich nicht an. Maria Magdalena, die sonst oft Jesus zu Füßen liegend dargestellt ist, steht ihm gegenüber. In der Mitte über den beiden ist Gott Vater zu sehen, dargestellt durch den Sohn: „Wer mich sieht, sieht den Vater“.

Der Jüngerlauf, der sich links neben Jesus und Maria Magdalena befand, fehlt. Die Umrisse von Petrus und Johannes sind jedoch noch zu erkennen. „Die Reliefs fielen vermutlich 1616  reformatorischen Eiferern zum Opfer“, sagt Frau Weiß.

In Inneren der Grabanlage, die in den letzten Jahren umfassend restauriert wurde, befand sich ursprünglich an der Süd- und später an der Nordwand der zwei Meter lange und 70 Zentimeter breite Grabtrog. Nur noch Aussparungen erinnern daran. Auf der Bodenplatte des Grabtroges stehen heute die drei Marien, die zum Grab eilen, um Jesu Leichnam zu salben. Ihre Salbgefäße weisen darauf hin. Zwei von ihnen fehlen die Köpfe.

 

Im Inneren des Heiligen Grabes steht diese Figur eines Mannes im Bischofsgewand.

 

Rechts neben den Frauen in der Ecke der Hauptkammer sitzt einer der beiden Grabengel des Ostermorgens. Er ist gut erhalten. Überall in der Hauptkammer, die seit der Restaurierung anstelle des einst eingestürzten Gewölbes wieder eine – wenn auch moderne  –Überdachung hat, sind Reste der farbigen mittelalterlichen Bemalung zu erkennen.  Im November vergangenen Jahres wiedereröffnet, weiht die Gernröder Gemeinde die Grabkammer an diesem Karfreitag im Rahmen der Kar- und Osterliturgie wieder ein.

Mit gut zwei Metern überlebensgroß dominiert die Hauptkammer ein als Bischof gekleideter Mann mit Stab und Märtyrerzweig. Er steht zwischen zwei Säulen in einer Nische an der Westwand. Möglicherweise handelt es sich bei der Figur um einen byzantinisch gestalteten Engel. „Ich denke, es ist Christus, der als erster Bischof dargestellt ist“, sagt Frau Weiß. Wer das Heilige Grab besucht, wird in den Vorraum geführt und kann in die Hauptkammer hineinschauen.

Weil Christus nach christlicher Überzeugung für die Menschen aller Zeiten gelitten hat und auferstanden ist, endet am Ostermorgen das liturgische Spiel nicht mit der Darstellung der biblischen Szenen. Nach einem festlichen Fürbittgebet mit Kyrierufen verteilen die Frauen und Männer des Osterspiels das Licht an alle in der Stiftskirche Versammelten. Vaterunser und Segen schließen den Gottesdienst in der St.-Cyriakus-Kirche ab. Doch im Anschluss zieht die ganze Gemeinde hinaus ein Stück durch den Ort und zur Oster-Andacht auf dem  nahe gelegenen Friedhof …

Eckhard Pohl

Mehr Infoshttp://www.stiftskirche-gernrode.de

Kommentare

Ich bin von Ihrem Bericht über das Osterspiel in Gernrode sehr beeindruckt und gefesselt. Ich habe den Wunsch, nächstes Jahr nach Gernrode zu kommen - danke - Burghard Rudolph