10.11.2016

Das Berliner House of One entsteht als interreligiöses Bet- und Lehrhaus

Ein Haus – drei Religionen

Berlin. Es soll zu einem Haus des Gebets und der interdisziplinären Lehre werden und zugleich zu einem Ort der Begegnung von Menschen unterschiedlicher Religionen als auch für jene, die ihnen fernstehen: Juden, Christen und Muslime bauen gemeinsam das House of One.

Hier entsteht das House of One. Frithjof Timm erläutert der Berliner Gruppe der Gesellschaft Katholischer Publizisten das Bauvorhaben.


An der Wiege Berlins wurde eine neue Vision geboren. Wo sich mit der 1230 erbauten, 96 Meter hohen Petrikirche einst das höchste Gebäude Berlins befand, soll auf ihren kriegszerstörten Fundamenten etwas weltweit Einmaliges entstehen: Juden, Christen und Muslime bauen gemeinsam das House of One (Haus des Einen), das unter einem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen wird.

Das alte Herz Berlins ist vom Erdboden verschluckt
„Wir stehen hier am Geburtstort von Berlin“, sagt Frithjof Timm, Theologischer Referent des Vereins „Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin“. Doch das alte Herz Berlins im einstigen Stadtteil Cölln ist vom Erdboden verschluckt, unter lärmenden Stadtmagistralen, Parkplätzen, umzäuntem Brachland. Ausgrabungen in den Jahren 2007 bis 2009 förderten den „Urort  Berlins“ wieder zutage, das Cöllner Rathaus, die Lateinschule, die Petrikirche, deren Überreste 1964 abgerissen wurden. „Was machen wir mit diesem Erbe?“ Vor diese Frage, so Frithjof Timm, sah sich die evangelische Kirchgemeinde St. Petri – St. Marien gestellt. Ein Wiederaufbau nach dem Beispiel der Dresdner Frauenkirche oder doch etwas ganz Neues und wie ist ein solches Projekt zu finanzieren?
Der entscheidende Anstoß kam von der Basis: Die Petrikirche soll auferstehen, allerdings nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt, sondern als Bet- und Lehrhaus der drei maßgeblichen monotheistischen Religionen. Ein friedvolles Neben- und Miteinander unter einem Dach und an einem Tisch, und doch in der jeweils eigenen Denomination, im Festhalten und der (Glaubens-)Kraft der eigenen Traditionen und Besonderheiten. Partner und Mitinitiatoren wurden in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin im Verbund mit dem Rabbinerseminar Abraham-Geiger-Kolleg und der muslimischen Dialoginitiative Forum Dialog gefunden. „Die katholische Kirche ist kein Projektpartner, begleitet das Vorhaben aber mit Offenheit und großem Interesse“, so Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums Berlin.
Das bisher noch nirgends Versuchte, wie es in einem Informationsflyer heißt, erfordert eine besondere architektonische Umsetzung. Das Berliner Architekturbüro Kuehn Malvezzi konnte sich in einem Wettbewerb mit einem Entwurf durchsetzen, der getrennte Sakralräume für Juden, Christen und Muslime sowie einen zentralen Raum der Begegnung in der Mitte des Baus, den sogenannten Kuppelsaal, vorsieht. Die Gesamtkosten sind mit 43 Millionen Euro beziffert. Im Rahmen des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ wurde eine Förderung von 2,2 Millionen Euro bewilligt, weitere 1,2 Millionen Euro steuert das Land Berlin bei. Eine weltweite Spendenaktion symbolischer Spendensteine gehört zum Finanzierungsfundament. Die Grundsteinlegung ist für 2018 geplant, die Initiatoren rechnen mit einer Bauzeit von drei bis vier Jahren.

Modell: So soll das House of One einmal aussehen. Fotos: Marina Dodt

Reformationsjubiläum und Weltausstellung
Das House of One soll nicht nur ein Gebäude, sondern vor allem eine Institution lebendiger Steine sein – besonders deutlich wird dies an der Schwelle zum Jahr 2017, dem Reformationsjubiläum. So soll ab Mai – parallel zum Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg – der zukünftige Standort des Bet- und Lehrhauses zugänglich gemacht werden. Dabei wird eine Bepflanzung angelegt, innerhalb derer das House of One mit den drei Gebetsräumen und dem Kuppelsaal als Grundriss eingelassen ist. So wird es möglich, die wichtigsten Räume schon einmal zu betreten und sie in ihrer Größe und gegenseitigen Bezugnahme zu erleben. Darüber hinaus wird das interreligiöse Dialogprojekt Teil der am 20. Mai beginnenden Weltausstellung in Wittenberg sein, wo das House of One im sogenannten Torraum „Ökumene und Religion“ in einer Installation vorgestellt und lebendig wird. Das alte und neue Herz Berlins beginnt wieder zu schlagen …

Von Marina Dodt