30.07.2015

Anstoß 31/2015

Dranbleiben

Meine Mitschwester Maria Wolfsberger gibt Unterrichtsstunden in Stimmbildung für schlechte, mittelgute, gute und ausgezeichnete Sänger und Sängerinnen. Meist bestimmt sie, was gesungen wird. Es gibt aber auch den Fall, dass die Kandidaten ihre Übungslieder selbst wählen dürfen.

Sr. Susanne SchneiderUnd da war ich kürzlich erstaunt, als Maria erzählte, dass sie mit mehreren Leipziger Kandidaten nun angefangen habe, das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach zu üben. Ende Mai das Weihnachtsoratorium?
Was bewegt diese Menschen? Nun, sie haben ein großes Ziel – das Weihnachtsoratorium ist in Leipzig, aber eigentlich auf der ganzen Welt, eine große Nummer, ein dickes Ding. Und wenn man im Gespräch mal so nebenbei einfließen lassen kann, man müsse in der Adventszeit in einer Leipziger Kirche wieder das Weihnachtsoratorium singen, klingt das sehr gut. Aber es ist noch viel mehr damit verbunden: wer im Mai mit dem Üben anfängt, weiß ganz genau, dass das Mitsingen nicht ohne Anstrengung und Zeitaufwand und Mühe zu haben ist. Wer so früh anfängt, ist bereit, für ein großes Ziel zu investieren. Die Anstrengung die damit verbunden ist, über ein halbes Jahr an einem Stück zu üben, wird nicht gescheut. Wer so lange übt, muss sich, so stelle ich mir das vor, immer neu motivieren.
In der Werbung und in vielen anderen Bereichen sieht das ganz anders aus: da wird behauptet, wenn man dieses und jenes Medikament einnehme, wirkte es sofort, heile alle Beschwerden und mache das Leben leicht.  
Auch in Bezug auf den Hunger nach Glück gibt es solche Versprechen: während wir im Raum der Stille mit Yoga und Zen von einem jahrelangen Übungsweg sprechen und keinem Menschen Zufriedenheit garantieren können, ist es bei manchen Angeboten ganz anders: für viel Geld sollen die Leute in einer Tagesveranstaltung in die Lage versetzt werden, alle Probleme ihres Lebens zu lösen und in Zukunft glücklich und zufrieden zu leben.
Auch wir Christen haben manchmal in Bezug auf unser Gebet diese Erwartung: Gott möge doch bitte tun, was wir als das Beste ansehen. Er soll sofort die Wünsche erfüllen und genau nach unseren Anweisungen und Vorstellungen das Leben zum Besseren hin umkrempeln.
Vielleicht ist es gut, beim nächsten nicht erfüllten Bittgebet an die Singschüler meiner Mitschwester zu denken: Sie arbeiten für ihr großes Ziel realistisch und hart und lange Zeit. Für unsere Gebete müsste das heißen, dass wir Gott nicht vorschreiben, wie er unser Leben gestalten soll, sondern dass wir bei allen Wünschen unseren eigenen Beitrag nicht vergessen.

Sr. Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig