04.07.2013

In Aken hat nach dem Hochwasser der mühsame Weg des Wiederaufbaus begonnen

Die Zuversicht behalten

Nach dem Hochwasser und der spontanen Bereitschaft Vieler, im Kampf gegen die Fluten zu helfen, bricht für viele Flutopfer nun der Alltag an. Sie müssen sehen, wie sie mit den Folgen der Katastrophe klarkommen. Ein Beispiel dafür sind Menschen in Aken.

Im Haus von Hans und Waltraud Prügel stand das Wasser schulterhoch in den Räumen. Enkelin Julia hilft den Großeltern, das ölverschmutzte Inventar aus dem Haus zu räumen. Pfarrer Günther Werner (links hinten im Bild) versucht seinen Mitbürgern Mut zu machen. Foto: Marian Kirchner

Aken. Wenn sich Mario Siebert (52) daran erinnert, wie sein Sohn tagelang vergeblich auf dem Damm in Aken Sandsäcke füllte, kommen ihm die Tränen. An einem Abend kam Fabian Siebert (26) nach über 14 Stunden nach Hause, legte seinen Kopf auf den Küchentisch und schlief ein, aber nach wenigen Stunden der Ruhe ging es wieder los, raus auf den Damm. Der 26-jährige Lagerlogistiker kam extra aus Leipzig, um seinen Vater, seine Großmutter Helga (70) und seine Heimatstadt zu unterstützen, trotz Meisterschule und anstehenden Prüfungen. Sandsäcke mussten entlang des Damms über zwei Kilometer per Schubkarre transportiert werden, die Krone war zu schmal für Fahrzeuge. Aber alles war umsonst. Am 8. Juni kam das Hochwasser der Elbe nach Aken, die Evakuierung erfolgte innerhalb einer knappen Stunde.

Familie Siebert hat ihr Haus gleich neben der katholischen Kirche St. Konrad – und sehr viel Glück gehabt, wie sie betonen. Die Sandsäcke vor ihren Kellerfenstern konnten zwar nicht das Eindringen von Wasser verhindern, aber sie filterten das Heizöl heraus. Der Garten der Sieberts hingegen ist hinüber – so wie viele Gärten in der Nachbarschaft.

Unweit der 800 Jahre alten Stadt fließen drei Flüsse, die Elbe, die Mulde und die Taube. Alle drei führten am 8. Juni soviel Wasser, das große Teile Akens in eine Seenlandschaft verwandelt wurde.
Doch was kommt nach der Flut, wenn mit beseelter Musik untermalte Spendenaufrufe und der große Medienhype verklungen sind? Die Keller in Aken sind zwar größtenteils leer gepumpt, aber Spenden werden über Monate hinaus benötigt, denn erst langsam wird das wirkliche finanzielle Ausmaß der Katastrophe deutlich.

Das Wasser stand schulterhoch im Zimmer
Besonders hart hat es Familie Prügel getroffen. Waltraud (75) und Hans Prügel (76) sind engagierte Mitglieder der St. Konrad- Gemeinde und der Caritas. Ihr Haus muss komplett entkernt werden, kein Möbelstück ist mehr zu gebrauchen. Das ölverschmutzte Wasser stand zwei Wochen in ihren Zimmern – schulterhoch. Die Prügels wohnen in einer Senke hinter einem Bahndamm zu ebener Erde. „Wir werden wohl erst Weihnachten wieder in unserer guten Stube sitzen können“, sagt Hans Prügel, der von Beruf Binnenschiffer war. Enkelin Julia bekam extra Urlaub, um mitzuhelfen, eigentlich arbeitet sie als Radiologieassistentin in Eilenburg. Die Unterstützung der gesamten Familie ist groß.  Gerade deshalb haben sich die Prügels, trotz aller Enttäuschungen und Rückschläge ihren Optimismus und ihren Humor bewahrt. Als Gemeindepfarrer Günter Werner zu Besuch kommt, sagt Waldtraut Prügel: „Beim Gottesdienst müssen sie für uns ein bisschen mitbeten, wir haben hier zu viel zu tun.“

Für Pfarrer Werner ist es sehr wichtig, dass seine Mitbürger in Aken wie etwa die Familien Siebert und Prügel nicht die Hoffnung verlieren. Deshalb besucht er sie regelmäßig, stellt technische Unterstützung zur Verfügung und versucht für etwas Aufmunterung zu sorgen. Werner ist seit Wochen im seelsorgerischen, vor allem im tatkräftigen Dauereinsatz. Er watete durch ölverschmutztes Wasser, kletterte auf Container, verhandelte mit Handwerkern, Architekten und dem Bauamt. Nebenbei kümmert er sich mit einer Pflegerin um eine 90-jährige an Demenz erkrankte Frau.

„Nur Kirche“, so Werner, „kommt zur Zeit leider zu kurz“. Der Sonntagsgottesdienst wurde in die evangelische St. Nikolaikirche verlegt, unter der Woche aber kann kaum etwas angeboten werden. Die Keller der St. Konrad-Kirche sind noch längst nicht trocken, der vordere Teil hat sich während des Hochwassers leicht abgesenkt. Hinter dem Altar stehen dutzende Trockner. Sie kommen von der Diözesan-Caritas Magdeburg. Caritas-Sozialarbeiter Daniel Tretschok aus Dessau ist viel in Aken und der Region unterwegs. Er hat Betroffenen Trockner vermittelt und auch für die Kirche welche heranbeordert. Durch den Kirchenraum schwirren Mücken und machen einen längeren Aufenthalt unmöglich. Es riecht nach Heizöl und Brackwasser.

Es ist noch viel Hilfe nötig, die Folgen zu beseitigen
Als nach einem starken Wolkenbruch am 20.Juni wieder alles zu überschwemmen drohte, da war auch Pfarrer Werner tiefste Enttäuschung anzumerken: „Jetzt gehen wir hier wieder unter“, sagte er da. Aber resignieren hilft nichts, es muss ja weitergehen. So muss zum Beispiel das eigentlich nagelneue Gemeindehaus wieder instand gesetzt werden, die unteren Holzbalken sind durchgeweicht und müssen ausgetauscht werden. Die Kosten der Gemeinde St. Konrad gehen in die Hunderttausende, Geld, das die Gemeinde nicht alleine aufbringen kann. Bleibt zu hoffen, dass Spenden und Hilfsgelder nicht abebben, wenn die Hochwasserkatastrophe mehr und mehr aus den Nachrichten und dem Bewusstsein der Menschen verschwindet, denken die Betroffenen. Denn das wäre auch eine Katastrophe – nach der Katastrophe. Marian Kirchner

Wer helfen will:
www.gemeinde-leben.com