13.03.2012

Kinder- und Jugendbuchpreis für „Die Zeit der Wunder“

Die Zukunft ist schön

Für den Jugendroman „Die Zeit der Wunder“ erhalten die 40-jährige Französin Anne-Laure Bondoux und die Übersetzerin Maja von Vogel (38), den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2012. Das Buch erzählt von Krieg und Flucht, aber vor allem von Hoffnung und Lebensfreude.

Irgendwo im Kaukasus verunglückt ein Zug. Die Lok brennt, die Wagen sind aus den Schienen gesprungen. Verletzte, in den Trümmern eingeklemmt, schreien um Hilfe. Unter ihnen eine Frau mit einem Baby.
Diese dramatische Szene lässt sich Koumaïl immer wieder von Gloria erzählen. Denn: Koumaïl ist dieses Baby gewesen, Gloria hat es gerettet. Und zu sich genommen. Denn: Irgendein Krankenwagen muss Koumaïls Mutter in irgendein Hospital gebracht haben, aber Gloria hat sie nirgends finden können. Sie weiß nur: Die Mutter ist Französin und Koumaïl heißt eigentlich Blaise Fortune.
So wächst der kleine Franzose in Abchasien auf. Doch Anfang der 1990er Jahre bricht dort Krieg aus und Koumaïl und Gloria müssen das Land verlassen. Ein entbehrungsreiches und gefahrvolles Flüchtlingsdasein beginnt und es dauert mehrere Jahre. Immerhin gelangen die beiden nach und nach weiter gen Westen. In dieser Richtung liegt ja das Ziel ihrer Wünsche: Frankreich, Koumaïls Heimat und das Land der Freiheit und der Menschenrechte.
Ein Buch, das von Krieg und Flucht handelt, von Armut, Hunger und Gewalt – da scheint im Titel ein Druckfehler unterlaufen zu sein. „Die Zeit der Wunden“ klänge naheliegender. Aber nein, es geschehen tatsächlich „Wunder“ in diesen elenden Zeiten.
Und damit ist gar nicht so sehr gemeint, dass Koumaïl am Ende glücklich in Frankreich ankommt. Nein, ein Wunder ist zum Beispiel die spontan gegründete „Universität der Armen“ im Flüchtlingslager – die Erwachsenen bringen den Kindern bei, was sie selbst wissen und können: singen, nähen, ein paar Worte Arabisch, welche Rinderrassen es gibt, wie man Black Jack spielt … Ein Wunder ist, wenn einem nach einem ewig langen Fußmarsch eine alte Babuschka das „beste Festessen der Welt“ serviert: Tee, Pfannkuchen und gekochten Kohl. Aber das größte Wunder ist Gloria. „Papperlapapp“, würde sie zwar dazu sagen. Ebenso oft jedoch sagt sie: „Kopf hoch!“ Oder: „Die Zukunft ist schön!“ Unermüdlich impft sie Koumaïl jene Zuversicht ein, die ihn immun macht gegen den gefährlichsten aller Parasiten: die Verzweiflung.
Zwar stellt sich zum Schluss heraus, dass Glorias Erzählungen, sagen wir: ein wenig sehr korrekturbedürftig sind. Aber das ändert nichts daran, dass sie Koumaïl das Leben gerettet hat. Und ihn alles Wesentliche fürs Leben gelehrt hat: Mut, Weisheit, Hoffnung, Liebe.
Hubertus Büker


Die Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises empfiehlt neben „Die Zeit der Wunder“ 14 weitere Titel:
Marianna Rössner u.a.: Ein Fest für alle Tage (Wiener Dom-Verlag, 20 Seiten, 16,90 Euro): Der Ablauf der Messe (ab 3 Jahren)
Heinz Janisch: Wo hört das Meer auf? (Wiener Dom-Verlag, 28 Seiten, 14,90 Euro): Philosophisches Bilderbuch über Gott und die Welt (ab 4)
Michael Roher: Zu verschenken (Picus, 32 Seiten, 14,90 Euro): Das Bilderbuch lehrt: Teilen macht glücklich (ab 5)
Jürg Schubiger: Als der Tod zu uns kam (Hammer, 32 Seiten, 13,90 Euro): Eine behutsam erzählte Geschichte (ab 5)
Marie-Hélène Delval: Wie siehst du aus, Gott? (Gabriel, 96 Seiten, 14,90 Euro): Stellt 40 Ausdrücke vor, die Gott beschreiben (ab 5)
Rose Lagercrantz: Mein glückliches Leben (Moritz, 136 Seiten, 11,95 Euro): Eine Siebenjährige und ihre Freundin (ab 6)
Michael Landgraf: Kinderlesebibel (Katholisches Bibelwerk, 96 Seiten, 12,95 Euro): Biblische Geschichten für Erstleser (ab 6)
Iwona Chmielewska: Blumkas Tagebuch (Gimpel, 64 Seiten, 29,90 Euro): Über den „Vater der Kinderrechte“ (ab 9)
David Almond: Mina (Ravensburger, 254 Seiten, 14,95 Euro): Originelles Tagebuch eines ungewöhnlichen Mädchens (ab 10)
Oscar Brenifier: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? (Gabriel, 96 Seiten, 14,95 Euro): Über Gegensätze wie Körper und Geist, Zeit und Ewigkeit (ab 12)
Clay Carmichael: Zoe (Hanser, 256 Seiten, 13,90 Euro): Warmherzige Geschichte über ein Pflegekind (ab 12)
Kate de Goldi: abends um 10 (Carlsen, 336 Seiten, 16,90 Euro): Sensibler Roman über Frankie und seine vielen Sorgen (ab 14)
Jenny Valentine: Das zweite Leben des Cassiel Roadnight (dtv, 240 Seiten, 12,90 Euro): Spannender Krimi um einen obdachlosen Jungen (ab 14)
Els Beerten: Als gäbe es einen Himmel (S. Fischer, 624 Seiten, 19,95 Euro): Ein 18-jähriger Belgier zieht für die Nazis in den Krieg (ab 14)