25.06.2014

Anstoß 26/2014

Die Schale ahmt die Quelle nach

Viele Menschen lassen sich von unserer Leistungsgesellschaft und deren unbarmherzigen Prinzipien anstecken: immer besser, immer mehr und immer schneller.

Auch bei schönen Tätigkeiten sind zunehmend viele Leute überarbeitet. Sie muten sich zu viel zu, packen den Tagesablauf zu voll und sind dann abends so aufgekratzt, dass sie ihre natürliche Müdigkeit nicht spüren und deshalb zu spät ins Bett gehen. Hastiges, ungesundes und unregelmässiges Essen und wenig Sport vergrößern die Liste der Risikofaktoren für Krankheiten aller Art. Stichworte wie „work-life-balance“ (ein Zustand, in dem Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang stehen) oder „downshifting“ (weniger arbeiten, mehr leben) gewinnen zunehmend an Bedeutung.
 Christen wissen schon immer, dass bei Gott andere Regeln gelten: Während der Mensch im Alltag durch Mühe, Arbeit und Anstrengung eine ganze Menge erreichen kann, funktionieren diese Haltungen gegenüber Gott nur begrenzt. Alle Anstrengung bringt kein zufriedenes Herz und keinen inneren Frieden.
Ein Beispiel aus früheren Zeiten ist der Brief von Bernhard von Clairvaux, den er vor 900 Jahren an den damaligen gestressten und überarbeiteten Papst Eugen III. geschrieben hat. Er könnte heute geschrieben sein:
„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weiter gibt, während jene wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter...
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird zur See. Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle...
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.“
Von Sr. Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig