02.06.2017

Ökumene spielte im Kirchentags-Programm keine Hauptrolle

Die Reformation gehört allen

Die Ökumene spielte im offiziellen Kirchentags-Programm keine Hauptrolle. Es gab aber einen Thementag Ökumene, der den Blick weitete: Die Christenheit besteht nicht nur aus Katholiken und Protestanten.


Die Kirchentage auf dem Weg – hier in Halle – wurden mit ökumenischen Gottesdiensten eröffnet.  Fotos: epd

„Wer von Ihnen weiß denn, was eine Priesterin der altkatholischen Kirche ist?“ Oder: „Wer war denn schon einmal in einem orthodoxen Gottesdienst?“ Nur zögerlich heben sich jeweils einige Hände im Publikum. Den Moderatoren zeigt das, „dass wir mit der Wahl des Themas für den heutigen Tag richtig liegen“. Denn der vormittägliche Teil des Ökumenetages beim Berliner Kirchentag war mit „Nachfragen – voneinander lernen“ überschrieben. Ökumene ist mehr als das Miteinander von evangelischen und katholischen Christen. Deshalb waren zu dieser Veranstaltung in Kooperation mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) auch Vertreter anderer Konfessionen eingeladen.

Von der anderen Konfession lernen
Die altkatholische Priesterin, eine reformierte Christin, ein griechisch-orthodoxer Erzpriester, ein römisch-katholischer Theologe und ein Vertreter des Bundes freikirchlicher Pfingstgemeinden berichteten darüber, wie ihre Konfessionszugehörigkeit ihr Christsein prägt und was sich aber auch im ökumenischen Miteinander verändert hat. So haben die reformierten Christen in der Schweiz begonnen, ihre „wort- und kopflastigen Gottesdienste“ so zu entwickeln, dass auch das Herz angesprochen wird, wie Bettina Beer-Aebi berichtete. Erzpriester Radu Miron betonte, dass neben dem Wort für den Glauben auch das Bild eine wichtige Rolle spielt: „Das Wort ist Bild und Bild ist Wort. Wenn wir nur mit einer Gehirnhälfte arbeiten, leben wir nicht ganzheitlich.“ Das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen, die Bedeutung der Predigt und die bleibende Reformbedürftigkeit der Kirche nannte der Katholik Burkhard Neumann als Schätze der Reformation, die seine Kirche entdeckt habe. Die ökumenische Bewegung helfe aber auch dem einzelnen Christen: „Jeder weiß heute, warum er seiner Konfession angehört und warum er in seiner Kirche bleibt – bei allen Fragen.“ Die Bedeutung der persönlichen Gotteserfahrung unterstrich Frank Uphoff für die Freikirchen. Ökumene bedeute für ihn, „nicht nur lieb und nett zu sein, sondern sich auch zu sagen: Das sehe ich anders.“
Die katholische Theologin Johanna Rahner wandte sich im anschließenden Vortrag gegen die konfessionelle Vereinnahmung der Reformation. „Die reformatorischen Grundprinzipien gehören keiner einzelnen Konfession exklusiv, sondern allen.“ 2017 sei es erstmals gelungen, die konfessionelle Engführung zu überwinden. „Nicht der Plural des Nebeneinanders, sondern die Vielfalt des Miteinanders ist das Ergebnis der Reformation.“ Die Reformation sei so zu einer weltweit einmaligen Lerngeschichte geworden:  Wer heute von Willkommenskultur, Toleranz, Glaubens- und Gewissensfreiheit, von Leitkultur spreche, bewege sich „auf einem Fundament, das ohne die einzigartige, ökumenische Wirkungsgeschichte der Reformation nicht existierte“.
Damit leitete sie quasi zum zweiten Teil des Ökumenetages über, denn am Nachmittag ging es um „Klartext sprechen – gemeinsam handeln“. Die Christen müssten gerade angesichts der wachsenden Minderheitensituation gemeinsam / ökumenisch handeln.  Damit sie aber von der Gesellschaft überhaupt noch wahrgenommen werden, müssten sie eine verständliche Sprache erlernen. „Wir wollen weder den onkelhaften Predigtton, noch eine Sprache, die so tut, als könnten den Glauben nur studierte Leute verstehen, oder einen zwanghaft lockeren Umgangston, nach dem Motto ,Mal Bach, mal Hiphop‘“, sagte der katholische Theologe Matthias Sellmann in seinem Impuls.

Selbstverständliche Ökumene: Zwei Benediktinerinnen beim Kirchentags-Abschlussgottesdienst in Wittenberg.

Klartext in verständlicher Sprache
Sellmann nannte acht Stichworte, die eine verständliche Sprache auszeichnen: „Alltagstauglich, unterhaltend, laut, kampagnenstark, biografisch, wettbewerblich, originell und professionell.“
Zum Abschluss des Ökumenetages wurden drei Beispiele vorgestellt, die zeigten, wie selbstverständlich ökumenisches Miteinander im Engagement für die Gesellschaft heute schon ist: die Sternsinger-Aktion, die Aktion „Friedenslicht aus Betlehem“ und die Zusammenarbeit von katholischer und evangelischer Studentengemeinde in Hildesheim.

Meinung: Ökumenisch auf den zweiten Blick
Im offiziellen Kirchentags-Programm spielte die Ökumene keine große Rolle. Die Stichwort-suche in der Programmdatenbank brachte gerade einmal 31 Treffer, etwas mehr als ein Prozent der über 2500 Veranstaltungen. Deutlich mehr Gewicht hatte der interreligiöse Dialog mit Islam und Judentum (zusammen 86 Treffer). Eine verpasste Chance, gerade für einen Kirchentag in unserer Region? Dabei waren ja während des Kirchentags auch klare Worte zum Miteinander der Christen zu hören. Kardinal Marx: „Die Frage ist: Wollen wir zusammen gehen? Wir wollen es!“
Was dieses Zusammengehen bei den Kirchentagen in Berlin-Wittenberg und auf dem Weg betrifft, lohnte sich ein zweiter Blick. Und der zeigt: Fast jeder zehnte Kirchentags-Teilnehmer (8,6 Prozent) war katholisch. Und etwa ein Drittel aller Gottesdienste war besonders ökumenisch geprägt. Auch vor Ort konnte man zahllose Beispiele für christliches Miteinander finden: Das Erzbistum Berlin lud Kirchentagsteilnehmer zur Schifffahrt auf der Spree ein. Eine katholische Ordensschwester leitete zusammen mit einer evangelischen Gemeindepädagogin einen Workshop. Katholische Ordensleute gaben Einblicke in ihre Spiritualität, Katholiken waren beim Abend der Begegnung dabei und halfen bei der Gästebetreuung. Der Altar und das Lesepult, die beim Abschlussgottesdienst in Wittenberg genutzt wurden, waren Leihgaben des Katholikentages ... Beispiele selbstverständlich gewordener Ökumene.
Eine weitere Podiumsdiskussion über Amtsverständnis und gemeinsames Abendmahl wäre da eher kontraproduktiv. Sie würde nur vor Augen führen, dass die Ökumene nach den rasanten Fortschritten der letzten Jahrzehnte stagniert.

Von Matthias Holluba