28.01.2014

Von allerletzten Wünschen im Angesicht des Todes

Die kleinen Dinge

„Nun lässt du, Herr, deinen Knecht … in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen …“ Ein großer Satz, den der greise Simeon spricht, als er im Tempel den Säugling Jesus erblickt. Ein Satz für den Abschied. Simeons Lebenswunsch ging in Erfüllung. Das wird nicht allen Menschen geschenkt – und viele bereuen das …

Die fünf letzten Dinge, sie werden uns allen vermutlich zu schaffen machen. Wenn die Lebensspanne spürbar kürzer wird, dann werden sie uns einholen, diese fünf Dinge. Es sind die großen Dinge des Lebens, die ein Sterbender im Rückblick auf die gelebte Zeit gerne ändern würde.
Die australische Krankenschwester Bronnie Ware begleitete jahrelang sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg. Ihre Erfahrungen veröffent-lichte sie vor einigen Jahren in dem Buch „Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Und obwohl jedes einzelne Leben anders war: Die fünf Dinge wiederholen sich.
Der Seelsorger Hans-Peter Mattes arbeitete jahrelang in der Krankenhausseelsorge, heute ist er ehrenamtlicher Vorsitzender eines Hospizes in Oberschwaben. Der 51-Jährige macht immer wieder die Erfahrung, dass diese fünf letzten Dinge nicht das Ende sein müssen. Denn nach der Reue über Vergangenes kommt oft noch die eine geheime Sehnsucht oder der eine letzte Wunsch. Eine Geschichte über die fünf kleinen Dinge des Abschieds:

1. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.“
Die Eisenbahn fuhr noch immer im Kreis. Obwohl der Patient bereits verstorben war, drehte sie ihre Runden. „Er war ein großer Eisenbahnliebhaber, also haben wir seine Eisenbahn im Krankenzimmer aufgebaut“, erzählt Mattes. Und auch nach dem Tod des Patienten wurde sie nicht sofort abgeschaltet. Ein Hobby, das durch das ganze Leben begleitet hatte und auch am Ende noch Freude bereitete.
„Es gibt so viele Menschen, die durchs Leben gehen und die meiste Zeit Dinge tun, von denen sie glauben, dass andere sie von ihnen erwarten“, schreibt Ware in ihrem Buch. Hobbys fallen selten unter diese Kategorie. Der eine sammelt Briefmarken, ein anderer liebt leidenschaftlich die Oper, der nächste erfreut sich an gutem Essen.
Das eigene Leben ist gelebt, was nun noch kommt, ist der Tod. Nicht immer lief alles glatt oder nach Plan: „Besonders da, wo Brüche und Schuld wahrgenommen werden, ist es ein Bedürfnis von Sterbenden, darüber zu sprechen“, sagt Mattes. Und wer das Vergangene verarbeitet hat, der kann sich wieder an kleinen Dingen erfreuen und schließlich friedlicher gehen.

2. „Ich wünschte mir, ich hätte nicht so viel gearbeitet.“
Viele Menschen, die sich in einem Hospiz auf den Tod vorbereiten, sind körperlich schwach. Dann geht es nicht mehr um Arbeit, sondern um eine Tätigkeit, die Freude macht. Das kann alles Mögliche sein: Einmal noch die Lieblingsmusik hören, ein Fest feiern, ein Bild malen – kleine Dinge, die dann zu großen Arbeiten werden.
Mattes erinnert sich an einen Patienten, der vor seinem Tod gerne noch einmal einen schwäbischen Wurstsalat essen wollte: „Er hat die Speise selbst zubereitet, obwohl es schon sehr anstrengend war, und andere dann zum Essen eingeladen, das war für uns alle sehr eindrucksvoll. Das ging durch den Magen.“

3. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, häufiger meine Gefühle auszudrücken.“
Wie viel in einem Hospiz gelacht wird, das kann sich ein Außenstehender kaum vorstellen, aber Seelsorger Hans-Peter Mattes sagt: „Was glauben Sie, was wir schon gelacht haben!“
Und auch die traurigen und nachdenklichen Momente werden am Ende des Lebens intensiver. So wie bei dem Patienten, der von einem Kindergartenkind einen gebastelten Schmetterling aus Papier geschenkt bekam: „Seine Leidenschaft war das Sammeln und Bestimmen von Schmetterlingen gewesen. Da war plötzlich eine ganz besondere Verbindung zwischen dem Kind und dem alten Mann“, erzählt Mattes.
Im Leben tun sich viele Menschen schwer, ihre Gefühle zu zeigen. „Viele Menschen unterdrücken ihre Gefühle um des lieben Friedens willen“, schreibt die Pflegerin Bronnie Ware. Mattes ist es besonders wichtig, dass sterbende Menschen ihre Sehnsüchte und Wünsche äußern können: „Es gehört zur Würde des Menschen, seine Wünsche sagen zu dürfen.“ Und seine Gefühle, egal ob angenehm oder unangenehm oder irritierend.

4. „Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten.“
So vielschichtig Beziehungen im Leben sind, so schwierig können sie auch im Angesicht des Todes sein. Denn während der Patient noch letzte Wünsche und Pläne macht, beginnt für Seelsorger Mattes die Trauerarbeit mit der Familie schon zum Zeitpunkt der Diagnose. Mattes sagt den Angehörigen seiner Patienten oft: „Es ist erlaubt, gehen zu dürfen.“ Lasst ihn in Frieden scheiden …
Eine besondere Beziehung, die bei den meisten kurz vor dem Tod noch einmal wichtig wird, ist die Beziehung zu Gott. „Ich habe es noch nie erlebt, dass ein Patient das Kreuz aus seinem Zimmer entfernt haben wollte“, erzählt Mattes.
Wer im Glauben stehe, könne leichter Abschied nehmen. Aber wie in jeder Beziehung gibt es auch dort Spannungen: „Viele klagen und schreien zu Gott. Sie fangen an zu zweifeln, wenden sich ab. Und ganz am Ende sehnen sie sich wieder nach der Gewissheit, dass der Tod nicht die letzte Schwelle ist“, sagt Mattes.

5. „Ich wünschte mir, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.“
Bronnie Ware schreibt in ihrem Buch, jeder Mensch habe die Chance zu wählen, wie glücklich er im Leben sein möchte. Oft jedoch waren die Umstände nicht die besten: Krieg, Streit, Erfolglosigkeit, Armut.
Im Angesicht des Todes erscheint es nicht leicht, glücklich zu sein. Besonders dann, wenn die verpassten Chancen, wenn die vielen „Ich wünschte, ich hätte …“ auf der Seele lasten. Mit dem eigenen Leben seinen Frieden machen zu können, so wie Simeon, das ist wichtig.
Wenn die fünf letzten Dinge verarbeitet sind, kommt nicht der große Paukenschlag, sondern der kleineWunsch. Ihn zu erfüllen, das wird oft zum allerletzten „Ding“, zur schönsten Aufgabe.
Seelsorger Mattes erinnert sich gerne an einen ganz besonderen Wunsch eines Patienten: „Er wollte noch einmal ein Gipfelerlebnis haben.“ Und so halfen die Pfleger und er stand ein letztes Mal ganz oben. Auf dem Berggipfel. Am Kreuz. „Er war dem Himmel dort schon sehr nahe.“ Und konnte dann in Frieden scheiden …
Regina Maria Frey