12.01.2015

Die "armen Seelen" und die Herrlichkeit bei Gott

In unserer Pfarrei wird in den Gebeten für einen Verstorbenen stets gebetet: „Erbarme Dich der armen Seele“. Die Andacht für Verstorbene wird im Pfarrbrief im Zusammenhang mit dem „Ewigen Gebet“ als „Arme-Seelen-Andacht“ angekündigt. Ist das nicht ein Widerspruch zum Vertrauen auf die Vollendung bei Gott? G. R., Gernrode

 

Ein Widerspruch nicht, aber eine andere Perspektive. Denn die Lehre der Kirche hat sich in einem Punkt nicht geändert: Wir glauben daran, dass das Eingehen in Gottes Herrlichkeit, kein „Spaziergang“ sein wird. Es wird nach unserem Tod in der Begegnung mit Christus der Moment kommen, an dem wir unser Leben voll und ganz erkennen, die guten wie die schlechten Seiten. Diese schmerzhafte Erfahrung der ungeschönten Selbsterkenntnis nennen wir „Gericht“.

Auch diese Lehre besteht weiter: Unsere Seele – Seele als Bildwort für den Kern des Menschen, für das Innerste meiner eigenen Person – bedarf nach unserem Tod der Reinigung, bevor wir Gott endgültig schauen. Die „dunklen Flecken“, die jeder mit sich herumschleppt, müssen verschwinden. Das nennen wir traditionell „Fegefeuer“, der Ort oder vielleicht der Moment, an dem die Seele „gereinigt“ wird.

Bei dieser „Reinigung der Seele“, und das ist ganz frühe Praxis der Kirche, können die Lebenden, kann die gesamte Kirche mithelfen: durch das Gebet für den Verstorbenen und durch die Feier der heiligen Messe. Es gibt diese Verbindung zwischen „Himmel und Erde“ zwischen den Lebenden und den Toten; sie können füreinander einstehen.

Und genau das bedeutet die volkstümliche Rede von den „armen Seelen“: Sie sind arm, weil sie zu ihrer Läuterung nichts mehr aktiv beitragen können; sie bedürfen unseres fürbittenden Gebets und vor allem des Erbarmens Gottes. Sie sind aber andererseits nicht arm, insofern sie, wie der „katholische Erwachsenen-Katechismus“ sagt, „den ganzen Reichtum der Barmherigkeit Gottes erfahren“.

Es ist also eine Frage der Perspektive: Betone ich wie in der „Arme-Seelen-Andacht“ die notwendige Reinigung der „Seele“ vor der Begegnung mit Gott oder in der „Auferstehungsmesse“ gleich die Freude über den endgültigen Empfang im Reiche Gottes?

Susanne Haverkamp