06.02.2014

Umfrage des Vatikans zeigt Kluft zwischen Leben und Lehre

Deutliche Worte für den Papst

Die Österreicher haben ihre Ergebnisse dem Papst persönlich überreicht. Die deutschen Bischöfe haben ihre Familienumfrage vergangene Woche nach Rom geschickt. Dort treffen in diesen Tagen Familienbilder aus aller Welt ein.

Den Papst zu treffen, ist schön. Was die Kirche zu Ehe und
Familie sagt, ist aber vielen eher unwichtig. Foto: kna-bild

Mit einem dicken spiralgebundenen Heft trat Wiens Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, vergangene Woche auf Papst Franziskus zu. Darin waren die österreichischen Antworten zur Familienumfrage des Vatikans zusammengefasst. Über 34 000 Antorten würden „eins zu eins“ weitergereicht, hatte Schönborn erklärt. Sie spiegeln einerseits eine sehr hohe Zustimmung etwa zur christlichen Erziehung von Kindern wider, andererseits weichen sie in punkto Empfängnisverhütung, Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und vorehelichen Beziehungen deutlich von der kirchlichen Lehre ab.

Rund 1000 Seiten Antworten aus Deutschland

Auch Deutschlands Bischöfe haben ihre Zusammenfassung nach Rom übermittelt. Rund 1000 Seiten mit Stellungnahmen aus Bistümern und Verbänden sind bei der Bischofskonferenz eingegangen. Darin steht ähnliches wie in dem Dossier aus Österreich. 

So entspricht auch bei deutschen Katholiken das Idealbild von Ehe und Familie der kirchlichen Lehre: Ein verlässlicher, möglichst lebenslanger Bund zwischen Frau und Mann, gesegnet mit Kindern. Bei vielen praktischen Fragen aber offenbart sich eine tiefe Kluft: „Die Antworten aus den Bistümern machen deutlich, wie groß die Differenz zwischen den Gläubigen und der offiziellen Lehre vor allem hinsichtlich des vorehelichen Zusammenlebens, der wiederverheirateten Geschiedenen, der Empfängnisregelung und der Homosexualität ist“, schreiben die deutschen Bischöfe in ihrer Zusammenfassung. 

Auch die Italiener haben vergangene Woche über die Ergebnisse beraten. Allerdings fand die Umfrage dort weniger Resonanz. Viele Bistümer haben den Fragebogen zwar veröffentlicht, nur wenige jedoch in einem formalisierten Verfahren Antworten der Gläubigen erbeten. Dazu zählen die Diözesen Rom und Florenz.

Ganz andere Probleme auf anderen Kontinenten

In Polen hat das Erzbistum Warschau ausgewählte Priester und Gläubige befragt. In Breslau immerhin gab‘s den Fragebogen online. Die Ergebnisse werden eher zurückgehalten, doch es ist klar: Auch Polens Katholiken denken in vielem anders als die formale katholische Lehre. In den USA werden Abtreibung und homosexuelle Partnerschaften unter Katholiken emotionaler und kontroveser diskutiert.

In anderen Teilen der Welt bereiten ganz andere Themen Kopfzerbrechen: In Afrika etwa die Polygamie, der Umgang mit HIV/Aids, aber auch die zunehmende staatliche Verfolgung homosexueller Menschen, die von einzelnen Kirchenvertretern scharf kritisiert wird. 

In Südasien sind es Mitgiftzahlungen, die als Kaufpreis für die Braut gelten und Familien finanziell strangulieren. Auch Trennungen, wenn ein Elternteil im Ausland oder weit entfernt arbeitet, bedrohen Ehe und Familie, fordern Seelsorger heraus. In Südostasien, wo drei Fünftel der Menschheit leben, sorgt die Frage des Vatikans, wie mehr Kinder geboren werden könnten, vereinzelt für Kopfschütteln.

Von Roland Juchem