29.11.2011

Anstoss 44 /2011

Des Papstes rote Schuhe

Manche kirchlichen Großereignisse – wie in diesem Jahr der Papstbesuch – können  verborgene Emotionen ans Tageslicht bringen.

Für mich war es erstaunlich, als ich in einer kirchlichen Gruppe erlebte, dass kein gutes Haar am Papst gelassen wurde. Jeder seiner Schritte und jedes seiner Worte wurde heftig kritisiert. Besondere Aufmerksamkeit fanden seine Kleidung, sein Hirtenstab, sein Pallium und seine Schuhe.
Auch das Gegenteil habe ich erlebt: dass man in manchen Kreisen als Außenseiterin gilt, wenn man nicht jedes Papstwort kennt und seine Zustimmung lautstark zum Ausdruck bringt.  
Offensichtlich weckt die sichtbare Seite der Kirche, die sich beispielsweise in einem Papstbesuch zeigt, die Emotionen. Doch ist dies nicht eher eine Äußerlichkeit? Warum ist es so wichtig, wie etwas verpackt ist, kommt es nicht allein auf den Inhalt an?  
Im Alltag erleben wir oft, dass das Äußere mit dem Inneren zu tun hat: In einem Haus, das von außen schön ist, will man eher wohnen als in einer klapprigen Bude; einen gut aussehender Apfel möchte man lieber essen als ein weniger schönes Exemplar. Wenn eine schriftliche Arbeit vor Rechtschreibfehlern strotzt, wird man von der Form auf den Inhalt schließen und die Arbeit nicht gern lesen.   
Andererseits kann man sich irren: Ein Mensch, der mir beim ersten Kennenlernen unsympathisch ist, wird mein guter Kumpel; eine Frau, die aufgrund ihrer Behinderung wohl traurig und depressiv sein müsste, ist lebenslustig und kreativ …   
Und was ist nun an oder in der Kirche außen und innen? Diese Frage würde wohl jeder Mensch – je nach Erfahrungen – anders beurteilen. Das individuelle Gebet, die Papstreise, die heilige Messe, die Gewänder der Messdiener, die Meditationshocker im Raum der Stille … sind das Äußerlichkeiten oder zentrale Inhalte?
Die Emotionen, die sich entzünden, erwecken den Anschein, als sei es einfacher, über Äußerlichkeiten zu streiten. Doch wenn das Gespräch dann ehrlich und fair ist, wird meist sichtbar, dass mehr dahintersteckt. Die Emotionen offenbaren dahinterliegende Einstellungen und Haltungen.
So kann es vorkommen, dass aus einem relativ oberflächlichen Meinungsaustausch über den Papst ein Gespräch über den Glauben der einzelnen Leute wird. Dieses persönliche Thema ist plötzlich nicht mehr peinlich, sondern spannend und belebend.
So können heftige Emotionen ein wunderbarer Gesprächseinstieg sein: Warum ist der anderen Person etwas wichtig oder nicht? Da ist es sogar sinnvoll, über des Papstes rote Schuhe zu reden.
Schwester Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig