09.06.2016

Anstoß 24/2016

Der Klang des Guten im Menschen

Über hundert Meter war die Schlange vor der Leipziger Nikolaikirche lang. Hunderte wollten die Uraufführung des Oratoriums Ecce Homo von Colin Mawby hören.  Und viele in dieser Schlange  werden sich gefragt haben, was ist der Mensch – und wie klingt das?

Colin Mawby vertont das, was den Menschen zum Menschen macht. Und lässt es bewusst unvollendet. Dem das Stück durchziehenden Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ fehlt die letzte Strophe „Sing bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu, und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Den welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht“. Ebenso fehlen Teile der anderen Texten. Die Vollendung des Menschlichen ist in Christus gelungen, in seiner Auferstehung – uns steht sie noch bevor, wir sind noch eine unvollendete Sinfonie. Mawbys Anstoß: Wir haben noch etwas zu tun!
 Die Texte sprechen von tiefer Verzweiflung, Not und Tod bis zur erlösenden Ekstase. Selbst die Anklage Gottes hat einen festen Platz und es ist kein Zufall, dass mit den Texten zu des Heilands Klagen  auf die griechisch-syrische Geschichte verwiesen wurde. Syrien und das Meer vor Griechenland gehören zu den  Karfreitagsorten unserer Zeit. Musikalisch hörbar bleibt das Menschliche, nicht die Fratze seines Gegenteils. Die Hoffnung stirbt in Mawbys Musik nicht zuletzt, sondern überhaupt nicht. Bei ihm sind Glaube, Liebe und Hoffnung komponierte Klänge dessen, was den Menschen zum Menschen macht. Stirbt das, ist es mit dem Menschlichen vorbei.
Bei der ersten Idee zur Komposition hatte Mawby den Bittkerzenleuchter in St. Nikolai vor Augen – und einen Spruch der alten SED Machthaber 1989:„Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“. Dieses wundervoll friedliche Bild der Revolution des menschlichen Aufbruchs setzt Mawby in Töne. Mit erklingen dabei der gewaltlose Widerstand eines Mahatma Gandhi und der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der Prager Frühling, und die samtene Revolution, Solidarnosc, Nelson Mandela, die alltägliche Menschlichkeit und die syrischen Flüchtlinge. Sie erklingen zusammen mit der den Tod überwindenden Botschaft Jesu, des Lichtes der Welt.
Es ist der Klang all dessen, wo Menschen zu allen Zeiten und weltweit versuchen, ihrem Gewissen mehr zu folgen als brutaler Macht. Nachdem der letzte Ton verklungen war, dauerte es keine 10 Sekunden, bis alle in der Kirche standen und begeistert applaudierten. Denn sie hatten das unsagbare Geheimnis des Menschen gehört.
Guido Erbrich, Biederitz