11.07.2013

Wie Luciana Pereira ihr mit Hilfe von Ordensfrauen entkam

In der Hölle von Rio

Bei Jericho, so erzählt Jesus, fiel ein Mann unter die Räuber. In Rio de Janeiro fiel vor einigen Jahren eine Frau unter die Räuber – und eine junge Ordensschwester half ihr, sich daraus zu befreien …

„Ich war 24 Jahre alt und frisch geschieden, ich hatte ein Kind und nichts mehr zu essen. Da gab mir eine ‚Freundin‘ einen Tipp, wie leicht und gut Geld zu verdienen ist.“ Heute, 15 Jahre später, erzählt Luciana Pereira ihre Geschichte nahezu ausdruckslos; die Anführungszeichen beim Wort „Freundin“ sind aber deutlich mitzuhören. Denn der Tipp der „Freundin“ führte sie in die Hölle.
Die liegt hier in Rio de Janeiro direkt neben dem großen Schlachthof. Zwei- und dreigeschossige Häuser, Lagerhallen, Lkw und überall der süßliche Geruch nach Fleisch in der schwülen Herbstluft der brasilianischen Metropole. Die Hölle heißt „Villa Mimosa“. Sie besteht aus einer U-förmigen Passage mit einer Reihe kleiner Bars, durchzuckt von blauen, roten oder weißen Blitzlichtorgeln. Aus schweren Boxen hämmern ohrenbetäubend harte metallische Beats.

Keine Frau schafft den Job, ohne sich zu betäuben

Es riecht nach Schnaps, Parfum, Schweiß und Urin. Männer stehen herum – in T-Shirts und Hosen; und Frauen – in Bikinis mit Tangaslip oder ausgeschnittenem T-Shirt. Einige stieren vor sich hin, andere versuchen, den Besucher auffordernd anzulächeln. Die „Villa Mimosa“ ist eine Art ambulantes Bordell. „Am Anfang habe ich tatsächlich ganz gut verdient“, sagt Luciana Pereira.
Ihren Kindern und Freunden erzählt sie etwas von Bügeljobs. Später, als ihre Alkoholfahne nicht zu ignorieren ist, gesteht sie: „Ja, ich arbeite in einer Bar – als Bedienung“. Doch den „Job“ in der „Villa Mimosa für 35 bis 40 Reais (gut zwölf Euro) pro Kunde schafft keine Frau, ohne sich zu betäuben. Luciana Pereira trinkt täglich – zuletzt zwei Flaschen Cachaça am Tag. In finanziell guten Zeiten kommt Kokain und anderes dazu.
Sie wird aggressiv gegen ihre Kinder, die zu Hause „über Tisch und Stühle gehen und die Schule schwänzen“. Als auch das jüngste sie verlässt und zum Vater und dessen neuer Frau zieht, hält sich Pereira fast nur noch in der „Villa Mimosa“ auf. „Wer kokst, wird wie ein Vampir und traut sich nicht mehr ans Tageslicht“, sagt sie, „er haust nur noch in der Höhle.“
Dort aber, in der „Villa Mimosa“, tauchen seit einiger Zeit zwei Frauen auf, die ganz anders ausssehen. Sie tragen dunkelblaue Poloshirts, lange Jeansröcke, kein Make-Up und ein Holzkreuz über der Brust. Eine von ihnen ist Maribel Pérez León.
Sie stammt aus Uruguay, kam vor kurzem nach Rio und ist Ordensfrau. Einzelne der Prostituierten begrüßt sie mit Küsschen links, Küsschen rechts auf die Wange, nimmt die eine oder andere Frau in den Arm und wechselt ein paar Worte. Die Schwestern haben in einer Parallelstraße eine kleine Kapelle und ein Häuschen. Vor allem kann man dort auch etwas zu essen bekommen.

Sie sollen wissen, dass sie anerkannt und geliebt sind

Eines Tages traut Luciana Pereira sich die neun Stufen zur Kapelle hinauf – obwohl sie betrunken ist und nur eine knappe Hose und ein schmutziges Top trägt. Aber der Hunger ist groß und das Geld aufgebraucht. In der Kapelle mit den dunklen Holzbänken, an denen je ein weißer Rosenkranz hängt, und wo von den Wänden Josef, Maria und Jesus den Besuchern gütige Blicke zuwerfen, sitzt auch Schwester Maribel.
Zwei Jahre lang haben sie und ihre Mitschwester hier gewartet, ohne dass eine der Frauen aus der „Villa“ herübergekommen wäre. Luciana Pereira ist eine der ersten. „Zuerst habe ich nicht verstanden, was das Sitzen und Beten der Schwestern sollte“, sagt sie. „Plötzlich aber verstand ich, was sie wollten“, sagt sie und lacht dabei zum ersten Mal. Dann bricht ihre Stimme und sie wischt sich eine Träne fort. „Damals, als mich niemand mehr liebte, habe ich durch die Schwestern gespürt, dass Jesus mich liebt.“
„Unser vorrangiges Ziel ist es gar nicht, die Frauen aus der Prostitution herauszuholen“, erklärt Maribel Pérez. Sie und ihre Mitschwester wollen den Frauen in erster Linie vermitteln: Wir akzeptieren euch so, wie ihr seid. „Für uns ist es ein Erfolg, wenn die Frauen wissen, dass sie anerkannt und geliebt sind, und sie sich dafür nicht ändern müssen“, sagt die 29-Jährige. „Denn es ist die Liebe, die Menschen verändert, nicht die Verurteilung.“
Eine Frau, die weiß, dass sie geliebt ist und sich selber anerkennen kann, die will von sich aus raus aus der Prostitution. „Das ist zumindest unsere Erfahrung“, ergänzt Maribel. Skeptische Blicke kontert sie mit der Bemerkung: „Es ist doch Selbstbetrug zu sagen: Nutte ist mein Beruf.“ „Frauen sind nicht für die Prostitution geschaffen, sondern für die Liebe“, formuliert sie bestimmt und kritisiert damit indirekt den Machismo ebenso wie die Mär eines selbstbestimmten „horizontalen Gewerbes“.
Warum macht sie das? Und woher hat sie die Liebe, die sie weitergeben will? Die Aufgabe ihres Ordens, erklärt Schwester Maribel, ist der Dienst auf der Straße. Daher hat ihre Oberin sie nach persönlichen Gesprächen hierhergeschickt, ins Schlachthofviertel, wo „Frauen wie ein Stück Fleisch“ behandelt werden. „Sie hat uns von der Würde des menschlichen Lebens und der Würde des menschlichen Körpers erzählt“, sagt die Ordensfrau. „Diese Würde erfahre ich an mir und ich möchte, dass andere Frauen das auch erfahren können. Das aber kann ich nicht ohne meinen Glauben. Der gibt mir die Kraft dazu.“

Ihr „Mädchentraum“ wird nun hoffentlich wahr

Einfach ist das dennoch nicht. Nur an vier Tagen pro Woche sind die Ordensfrauen in der Kapelle im Schlachthofviertel. Dazwischen sind die Schwestern in ihrem kleinen Konvent in einem anderen Stadtviertel. Den äußeren Abstand brauchen sie, um wieder Kraft zu schöpfen.
Auch Luciana Pereira hat noch Jahre gebraucht, um der Hölle der „Villa Mimosa“ zu entkommen. Jahre mit einem Suizidversuch im Vollrausch, als sie mit Tochter und Enkeltochter in einer Lagerhalle zwischen Bierkästen hausen musste, weil sie ihre Wohnung verloren hatte. Auf Vermittlung der Schwestern hat sie endlich ärztliche Hilfe in Anspruch genommen, war in einer Entzugsklinik und ist überzeugt, „seit zwei Jahren trocken und clean“ zu sein. „Es waren menschliche Zuwendung, geistliche Hilfe und professionelle medizinisch-therapeutische Hilfe, die mich da rausgeholt haben“, fasst sie zusammen.
Zurzeit macht sie eine Ausbildung zur Friseurin; „Ein Mädchentraum von mir“, lacht sie. Wenn sie fertig ist und das Geld beisammen hat für Werkzeuge und Haarmittel, kann sie sich, wie in Brasilien üblich, in einen Salon einkaufen und dort ihre Kundinnen empfangen.
Außerdem macht Luciana Pereira, die jetzt mit Tochter, Schwiegersohn, Enkelin und
ihrer eigenen Mutter zusammenwohnt, einen Malkurs. Stolz zeigt sie einige Selbstbildnisse, die immer besser werden und Selbstbewusstsein ausstrahlen. „Wenn ich male, ist das der einzige Moment, in dem ich überhaupt nicht mehr an früher denke“, sagt sie. Und erntet ein Lächeln von Schwes-ter Maribel.
Roland Juchem