15.10.2015

Anstoß 42/2015

Der Hauptgewinn

Heute muss ich wieder einmal etwas von meinem Sohn erzählen, jenem Zehnjährigen, von dem an dieser Stelle des Öfteren die Rede war.

Andrea WilkeWeil er, wie schon mehrfach erwähnt, mit seinem Blick auf die Welt dem meinigen eine andere Richtung gibt. Für mich immer lohnenswert. Und natürlich mitteilenswert.
Neulich war er bei mir auf der Arbeitsstelle, in deren Nebenraum eine ausrangierte Schreibmaschine steht. Tasten zum Schreiben faszinieren ihn und so dauerte es auch gar nicht lange, dass er ganz beflissen darauf hantierte.
„Ich schreibe dir eine Nachricht“, hörte ich ihn sagen. Und weiter: „Liebe Mama, ich wünsch‘ dir was!“ Das interessierte mich jetzt brennend: „Aha, was wünschst du mir denn?“ „Ich wünsche dir, dass du mich nett findest.“ Nein, er sagte nicht: „Ich wünsche mir, dass du mich nett findest“, sondern wirklich: ich wünsche es dir. Denn dass ich ihn nett finde und noch viel viel mehr als das, das weiß er. Er muss sich meine Sympathie für ihn nicht wünschen, um meine Liebe nicht buhlen.  
„Ich wünsche dir, dass du mich nett findest“. Wenn wir jemandem etwas wünschen, liegt in der Regel das Anliegen zugrunde, dem Anderen möge etwas Gutes widerfahren. Etwas, das ihn froh macht, ihn stärkt und wirklich beglückt. Es kann demjenigen, dem der Wunsch gilt, aus Sicht des Wünschenden nichts Besseres passieren, als dass sich der Wunsch erfüllt. Mein Sohn geht davon aus, dass es für mich nur von Gewinn sein kann, wenn ich ihn nett finde. Bietet Gott dem Menschen seine Liebe nicht genauso an? Was kann uns Besseres passieren als von Gott geliebt zu werden? Aber er drängt seine Liebe niemandem auf, wenngleich er auch niemanden von ihr ausschließt. Selbst dann nicht, wenn sich derjenige gegen ihn entscheidet. Gott wirbt um den Menschen, nicht weil er es nötig hätte oder in irgendeiner Weise auf unsere Liebe zu ihm angewiesen wäre. Sondern weil er, der jeden einzelnen bis in die Haarspitzen kennt, weiß, dass es nichts Besseres für uns geben kann. Ihn nicht zu lieben bedeutet, sich um das Beste zu betrügen, was uns im Leben passieren kann. Und uns, die wir das Geschenk des Glaubens bekamen, sieht man vielleicht zu wenig an, dass wir den Hauptgewinn haben.

Andrea Wilke, Erfurt