18.11.2016

Hoffnungen im Libanon ruhen auf Michel Aoun

Der General, der Präsident wurde

Ein Christ an der Spitze des zerstrittenen Libanon: Michel Aoun ist neuer Präsident. 

Michel Aoun ist neuer Präsident des Libanon.
Foto: KNA

Nach langwierigem Kräftemessen zwischen den zerstrittenen Lagern wurde ein alter Bekannter gewählt: General Michel Aoun (81), ebenso selbstbewusster wie umstrittener Führer der "Freien Patriotischen Bewegung" (CPL) und langjährige "orangene Eminenz" im Land. Nach dem polarisierenden Kampf um das höchste Staatsamt prägen nun versöhnliche Töne die Rede des maronitischen Christen.

Einen alten Mann von kleiner Statur zeigen die offiziellen Fotos. Doch das Lächeln ist das eines Mannes, der am Ziel ist: 26 Jahre nach seiner Kapitulation im Befreiungskrieg gegen Syrien und dem anschließenden Rückzug ins Pariser Exil sitzt Michel Aoun auf dem Präsidententhron im Baabda-Palast, hinter ihm die libanesische Fahne.

Die grüne Zeder auf rot-weißem Grund war es auch, die Aouns ersten öffentlichen Auftritt prägte. Der Neugewählte erbat sich von seinen Gratulanten, das leuchtende Orange der Parteifahne gegen die Landesflagge auszutauschen. Die Bilder erinnerten an alte Tage, als Aoun zwischen 1988 und 1990 an der Spitze einer Militärregierung von Baabda aus herrschte - Genugtuung für jene, die dem charismatischen General allem Gegenwind zum Trotz die Treue hielten.

 

Aoun will einen starken Staat schaffen

Nicht die Präsidentschaft sei sein Ziel gewesen, sondern die Schaffung eines starken Staates, ließ Aoun nach dem Wahlsieg verlauten. Und als dessen Garant präsentiert er sich seit seinem Umzug in den Präsidentenpalast. Er wolle Korruption ausmerzen und keine Verfassungsverstöße zulassen. Die Armee solle gestärkt, das Land in seiner Unabhängigkeit und Souveränität geschützt werden. So lange die politischen Lager kooperierten, werde dies zu guten Reformen führen, gibt sich Aoun optimistisch. Die positive Atmosphäre der Offenheit, die die Präsidentenwahl mit sich gebracht habe, müsse nun genutzt werden.

Die Hoffnungen, die auf dem 81-Jährigen liegen, sind enorm. Und auch die Herausforderungen sind es. Seit Jahrzehnten dauert der Streit zwischen den beiden großen politischen Lagern. Die Wirtschaft stagniert, und überdies wird das kleine Land durch den gewaltigen Zustrom syrischer Flüchtlinge auf allen Ebenen strapaziert.

Insbesondere für viele Christen zählt Aoun noch immer zu den großen politischen Helden. Auch die Tatsache, dass der Libanon als einziges arabisches Land einen christlichen Präsidenten hat, wiegt schwer. Zugleich sind Libanons Christen gespalten wie das Land - ein Umstand, zu dem nicht zuletzt Aoun selbst beigetragen hat. Vom jüngsten Oberbefehlshaber in der Geschichte der libanesischen Armee brachte es der Mann aus bescheidenen Verhältnissen zum Interimsministerpräsidenten - und somit gleich mit der ersten politischen Rolle in eine heftig umstrittene Position: Das Amt ist nach dem Nationalpakt von 1943 eigentlich einem Sunniten vorbehalten.

 

Christen im Land sind politisch gespalten

Seinen größten politischen Gegner, den Führer der "Christlichen Libanesischen Streitkräfte" Samir Geagea, machte er sich mit dem misslungenen Befreiungskrieg gegen Syrien. Seither verteilen sich die Christen auf zwei rivalisierende Lager. Zwar stellt die CPL seit Aouns Rückkehr 2005 die größte christliche Fraktion im Parlament. Sein Pakt mit der schiitischen Hisbollah ließ den Maroniten jedoch Sympathien im eigenen Lager einbüßen - und brachte ihm mit Saad Hariri einen weiteren starken Gegner.

Aoun verteidigt das Bündnis zwischen Schiiten und CPL bis heute als Schutz vor einem muslimisch-christlichen Bürgerkrieg; er sieht in den Schiiten den muslimischen Partner der Christen im Kampf gegen den Islamismus. Lautstark fordert er gleichzeitig die Wiedereinführung verloren gegangener Rechte für Christen und warnt vor ihrer Verdrängung aus staatlichen Institutionen im Libanon - ein Argument, dass er schon 1989 gegen das unter saudi-arabischer Führung verhandelte Friedensabkommen ins Feld führte.

Aouns Hartnäckigkeit hat sich am Ende ausgezahlt. Ob unter seiner Präsidentschaft auch der politische Patt beendet werden kann, wird sich zeigen. Erste Achtungserfolge hat der Kompromisskandidat bereits erzielt: Mit Geagea und Hariri hat Aoun es geschafft, zwei seiner langjährigen Rivalen ins Boot zu holen. Bei der Regierungsbildung, mit der Aoun den designierten Ministerpräsidenten Hariri betraute, werden die alten Rivalitäten wohl allerdings erneut auf den Tisch kommen.

KNA