09.06.2016

Solwodi hilft Frauen, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution wurden

Der Albtraum Europa

Berlin. Die Geschichte von ­Grace mutet an wie die afrikanische Version des Märchens von der bösen Stiefmutter. Aber sie ist wahr und Teil eines internationalen mafiösen Systems – mit allein 50 000 Nigerianerinnen europaweit. Der Verein Solwodi versucht, Frauen wie Grace zu helfen.

Planen das Solwodi-Sommerfest Ende Juli (von links): Sr. Mabel Mariotti, Sozialarbeiterin Monika Grötzinger, Sr. Margit Forster und Praktikantin Maria Schaal. Betroffene werden zu ihrem Schutz nicht abgebildet. Foto: Marina Dodt

„Nicht essen, nur weinen“, das ist die Kindheit der 15-jährigen Grace, die bei ihrer Tante in einem Dorf in Nigeria aufwächst. Graces Geschichte ist aber auch die von Organisationen, die Schutz und Hilfe geben. Der Verein Solwodi Berlin ist eine von ihnen.
„Du bist schön“, schmeichelt die Nachbarin, „in Europa kannst du viel Geld verdienen“. Für Grace* scheint alles besser zu sein als dieses Dasein in Armut, Schmutz und als ungeliebte Kostgängerin. Die 15-Jährige macht sich auf die Reise ihres Lebens, das sie als Pfand in einer okkulten, blutigen Zeremonie in einem Voodoo-Schrein zurücklässt. „Du zahlst das Geld für Europa zurück, sonst wird es dich töten“, nehmen ihr ihre „Gönner“ den Treueschwur ab.

Deutschland – das Land ihrer Träume?
Dann beginnt gemeinsam mit anderen Mädchen eine Odyssee quer durch Afrika nach Marokko und weiter über das gefährliche Meer. Unterwegs werden sie zum Freiwild ihrer Schlepper. Nach fast zwei Jahren kommt Grace endlich in Deutschland an – dem Land ihrer Träume. Hier will sie eines der schönen großen Häuser sauberhalten, das Geschirr spülen, auf die Kinder aufpassen und eigenes Geld verdienen. Aber „Madame“ erwartet sie bereits. Sie ist alles andere als mütterlich. Am nächsten Tag findet sich Grace in einem Bordell wieder. Was sie hier tun solle, fragt sie ahnungslos. „Das, was die anderen machen“, sagt Madame. 50 000 Euro soll Grace für sie anschaffen.
„Die Madames sind der Dreh- und Angelpunkt eines modernen afrikanischen Sklavenhandels und der Zwangsprostitution“, erklärt Schwester Margit Forster, Vorsitzende von Solwodi Berlin. Der Markt boomt, sagt sie. Sie weiß wovon sie spricht, denn als Comboni-Schwester war sie selbst zwölf Jahre in Afrika. Mit einer sehr geringen Aufklärungsrate sei dieser Markt beinahe „todsicher“, werfe nach dem Waffen- und Drogenhandel die größten Gewinne ab. Graces Schicksal stehe für die Struktur des nigerianischen Frauenhandels, der als einziger Bereich weltweit organisierter Kriminalität fast ausschließlich von Frauen kontrolliert wird – mit aller Brutalität.
2013: Grace ist inzwischen Anfang 20 mit einem Leidensweg durch immer andere Bordelle und mit täglich 16 bis 20 Stunden in der Prostitution. Knapp 25 000 Euro hat sie Madame bereits gezahlt. Aber sie kann nicht mehr, will aussteigen. Zur Ausbeutung kommt der Verrat: Ihre Peiniger liefern sie als Illegale ohne Papiere der Polizei und damit der Abschiebehaft aus.

Angstfrei leben in der Legalität
Doch über Schwester Mabel, die auch Seelsorgerin in der Abschiebehaft ist, kommt sie in Kontakt mit Solwodi, der Wende ihres Lebens. Sie ist eine von über 1 500 Klientinnen, die der Verein seit Gründung betreute. Dank Solwodi lebt Grace heute ohne Angst in der Legalität. Sie meistert ihren Alltag in deutscher Sprache, ist auf Arbeitssuche. Bald wird Grace 25, und sie ist inzwischen Mutter. Der Name ihrer kleinen Tochter heißt übersetzt „Geschenk Gottes“.  

* Graces Schicksal basiert auf authentischen Erlebnissen nigerianischer Frauen. Ihr Name ist zum Schutz der Betroffenen erfunden.

Hintergrund: So hilft Solwodi in Berlin
Solwodi bedeutet „Solidarity with women in distress“ – „Solidarität mit Frauen in Not“ – und ist eine 1985 in Kenia gegründete überkonfessionelle Organisation. Seit 1987 engagiert sie sich auch in Deutschland. Die Berliner Beratungsstelle für Migrantinnen haben 2007 die Comboni-Missionsschwestern Schwester Margit Forster und Schwester Mabel Mariotti gegründet. 2015 wurden 308 Frauen beraten. Fast 90 Prozent der Klientinnen stammen aus Afrika. Viele sind Betroffene von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung oder anderer Formen von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Solwodi unterstützt unter anderem durch psychosoziale und Traumafachberatung, Begleitung bei Behördengängen und Rechtsbeistand, Vermittlung von Deutschkursen, Integrationsangebote, Suche nach einer Unterkunft oder Rückkehrhilfe.
Kontakt: www.solwodi-berlin.de; Telefon: 0 30 / 81 00 11 70

Von Marina Dodt